Die Olympischen Spiele in Rio sind eröffnet. Mit dabei sind auch Sportler aus Russland, obwohl der jüngste Wada-Report ein vom russischen Staat unterstütztes Dopingsystem offengelegt hat. Finden Sie das richtig?
Gerhard TreutleinIch bin mir da unsicher. Getroffen werden fast immer nur die Sportler. Wer hat sie verführt, wer hat ihnen Dopingmittel geliefert, was wird gegen die Hintermänner getan? Wenn der Staat selbst darin verwickelt ist, dann bleibt fast nur der Ausschluss der ganzen Mannschaft des entsprechenden Staats, so leid es mir für die Sportler tut.
IOC-Chef Thomas Bach wurde von einigen deutschen Athleten wie etwa Robert Harting harsch kritisiert. Ist Bach als höchster Repräsentant des Weltsports noch tragbar?
TreutleinDie Frage ist: Wer würde nachkommen? Es gilt der alte Satz: Es kommt selten was Besseres nach. Also dürfte es besser sein, maximalen Druck auf das IOC auszuüben zu mehr Aktivität für sauberen Sport. Bach ist ja nicht allein das IOC.
Die Russen fühlen sich als Opfer einer westlichen Intrige. Sind wir, was den Sport angeht, zurück im Kalten Krieg?
Prof. Dr. Gerhard Treutlein (75) hatte Jahrzehnte lang einen Lehrstuhl für Sportpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg inne. An jener Hochschule gründete der ehemalige Leichtathletik-Trainer 2007 das Zentrum für Dopingprävention. Für seine Verdienste im Kampf gegen Doping wurde Treutlein mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
Treutlein Die russische Reaktion ist die übliche Taktik, um von den eigenen Betrügereien abzulenken. Das kommt offensichtlich beim eigenen Volk gut an. Diese Taktik wird auch in anderen Ländern angewandt, früher auch in der DDR.
Russland steht momentan am Pranger, gedopt wird aber auch in anderen Ländern. Wie viele Prozent der Athleten in Rio sind nach Einschätzung wirklich sauber?
TreutleinBei der wissenschaftlichen Nachuntersuchung der Proben, die bei den Olympischen Spielen 1980 entnommen wurden, auf Testosteron waren circa 35 Prozent positiv. In den meisten Sportarten und Disziplinen ist der Weg in die absolute Spitze heute ohne Doping kaum mehr möglich. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Hoffentlich sind einige saubere Sportler dabei, wahrscheinlich vor allem in den Sportarten, wo Geld und öffentliche Aufmerksamkeit noch keine große Rolle spielen.
Wenn so viele Doper unentdeckt bleiben, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Kontrollsystems. Muss sich hier nicht auch die Welt-Anti-Doping-Agentur Fehler vorwerfen lassen?
TreutleinDie Wada war im Rahmen ihrer Möglichkeiten effektiv, blieb aber nicht ohne Fehler, die Möglichkeiten sind aber zu gering. Wer einen einigermaßen effektiven Kampf gegen Doping führen will, muss die Wada und die nationalen Agenturen finanziell ganz erheblich besser aufstellen und für absolute Unabhängigkeit von den Geldgebern sorgen. Aber: Es gibt so viele neue Dopingmöglichkeiten, dass die bisherigen Analysemethoden ein Stochern im Heuhaufen sind, mit der Hoffnung, etwas zu entdecken. Was verdient zum Beispiel ein Spitzenfußballer im Jahr und wie viel Geld hat vergleichsweise die Wada zur Verfügung?
Sehen Sie überhaupt noch eine Chance, dass der Spitzensport aus seiner massiven Glaubwürdigkeitskrise herausfindet? Wenn ja, wie?
TreutleinEs wird schwer bis fast unmöglich. Da sind zu viele nationale und kommerzielle Interessen im Spiel. Ein sinnvoller Weg dürfte sein, deutlich mehr Geld und Anstrengungen in die Entwicklung von Nachweismethoden und vor allem in die Dopingprävention zu stecken. Wir sind von einer flächendeckenden Prävention von Medikamentenmissbrauch und Doping weit entfernt.
Würde es helfen, wenn man Doping einfach erlaubt?
TreutleinDas wäre eine Katastrophe, vor allem für den Jugendsport. Verkehrsgesetze und -Regeln werden ja auch nicht abgeschafft, nur weil man nur einen Teil der Regel-Verletzer erwischt. Der Kampf für einen sauberen Sport ist schwer, er muss aber geführt werden – wir sind zum Schutze der Jugend verpflichtet.
Können Sie die Olympischen Spiele in Rio eigentlich noch genießen? Oder schauen Sie sich die Wettbewerbe gar nicht mehr an?
TreutleinDie Atmosphäre bei Olympischen Spielen ist schon etwas Besonderes. Aber beispielsweise die Wettkämpfe in der Leichtathletik genießen? Dazu habe ich zu sehr eine selektive Wahrnehmung. Wenn wie bei den letzten Weltmeisterschaften im Zwischenlauf über 400 Meter ein Läufer nach der sensationellen Zeit von 44,11 Sekunden direkt nach dem Ziel mehrere Liegestütze macht, dann wird das Publikum maximal veralbert.
