Erfurt/Oldenburg - Die eine sprintete zu ihrem dritten Meistertitel in Folge, steht aber dennoch vor Tagen zwischen Hoffen und Bangen. Die andere wurde „nur“ Dritte, setzte aber zu ihrem ganz persönlichen Höhenflug an. Oldenburgs beste Leichtathletinnen, 400-Meter-Sprinterin Ruth Spelmeyer und Stabhochspringerin Friedelinde Petershofen, haben bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt das ganz große Gefühlskino erlebt – und müssen nun warten, ob ihre starken Leistungen zu einer Nominierung für die WM in London (4. bis 13. August) führen.
0,02 Sekunden fehlen
Vor allem Spelmeyer erlebte eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Im Vorlauf über 400 Meter am Samstag zeigte die Sprinterin des VfL Oldenburg einen überzeugenden Auftritt und siegte in 51,72 Sekunden. Es war Spelmeyers Saison-Bestleistung – doch die 26-Jährige kniete danach fast schon verzweifelt auf der Laufbahn. Der Grund: Spelmeyer verpasste mit dieser Zeit lediglich um zwei Hundertstelsekunden die vom Deutschen Leichtathletik Verband (DLV) geforderte WM-Norm, die sie sich ausdrücklich als Ziel gesetzt hatte.
Am Sonntag dann hatte die Oldenburgerin im Finallauf ihre zweite Chance und war erneut die schnellste Frau Deutschlands auf dieser Strecke. Spelmeyer lief einsam an der Spitze über die Ziellinie, sah aber 51,84 Sekunden auf der Anzeigetafel stehen – wieder keine WM-Norm.
„Das Triple ist für mich sehr, sehr wichtig. Meistens bin ich am zweiten Tag schneller, das hat diesmal nicht geklappt“, sagte Spelmeyer. Für sie heißt es nun Bangen: An diesem Mittwoch gibt der DLV sein WM-Aufgebot bekannt. Drückt der Verband bei der Olympia-Teilnehmerin ein Auge zu? Oder gibt es tatsächlich keine deutsche 400-Meter-Starterin?
„Wenn wir ohnehin mit der Staffel nach London fahren, wäre es doch Verschwendung, wenn ich nicht auch im Einzel laufen dürfte“, gab sich Spelmeyer hoffnungsvoll: „In diesen Leistungsbereichen muss alles zusammen passen, wenn es mit der Einzelnorm klappen soll. Es fehlt ja nur ein Hauch von nichts.“
Eine Nicht-Nominierung wäre umso ärgerlicher, da Spelmeyer die vom Leichtathletik-Weltverband IAAF geforderten 52,1 Sekunden locker unterboten hat. Dass der DLV höhere Normen verlangt, gilt als umstritten.
Petershofen überragt
Petershofens Leistung in Erfurt war dagegen geradezu sensationell. Mit einer Bestleistung von 4,30 Metern angereist, pulverisierte die 21-Jährige ihren eigenen Rekord. Sie übersprang 4,55 Meter – und schaffte völlig überraschend die WM-Norm. Hinter Lisa Ryzih (4,70 Meter) und Silke Spiegelburg (4,55 Meter) bedeutete das Platz drei.
„Es ist einfach unglaublich“, sagte Petershofen, die nach ihrem Traumsprung die Hände vor dem Mund zusammenschlug und ihr Glück kaum fassen konnte: „Ich habe damit niemals gerechnet, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass ich persönliche Bestleistung springen kann.“
Wie hoch die Leistung Peterhofens, die früher für den DSC Oldenburg aktiv war und nun für den SC Potsdam startet, einzuschätzen ist, zeigt der Verlauf des Wettkampfs. Die Überfliegerin hatte zunächst Probleme, kam bei einer Höhe von vier Metern nur schwer in den Wettbewerb – und musste später sogar ihren Stab tauschen. „Bei 4,35 Meter habe ich den Stab gewechselt. Mit dem hatte ich zuletzt immer Probleme und bin nicht über 4,30 Meter hinausbekommen. Heute lief es aber einfach“, erzählte sie. Das Publikum sei „unglaublich“ gewesen, die Musik und die ganze Atmosphäre hätten sie beflügelt.
Warten auf DLV
Automatisch in London dabei ist Petershofen dank ihres grandiosen Höhenflugs aber noch nicht. Nur wer die Norm schafft und gleichzeitig Deutscher Meister wird, ist beim DLV gesetzt. Ryzeh ist dadurch sicher dabei, auch die erfahrene Spiegelburg dürfte ihr Ticket gebucht haben. „Ich habe nie damit gerechnet und würde natürlich mitfahren, wenn der DLV mich für London nominiert“, sagte Petershofen überglücklich.
Erst einmal geht es für die Oldenburgerin jedoch nun zur U-23-Europameisterschaft, die von diesem Donnerstag bis Sonntag im polnischen Bydgoszcz stattfindet. Hier feiert Petershofen überhaupt erst ihr Debüt im Nationaltrikot auf internationaler Ebene feiert. Urplötzlich zählt die Oldenburgerin dort zu den Favoritinnen. „Da möchte ich meine Höhe bestätigen, damit müsste man eine Medaille gewinnen können“, sagte Petershofen.
