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NWZonline.de Sport Leichtathletik

Sprinter Jonas Plass Zur Doping-Studie: „Schlupflöcher gibt es auch bei uns“

07.09.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-09-08T16:04:53Z 280 158

Sprinter Jonas Plass Zur Doping-Studie:
„Schlupflöcher gibt es auch bei uns“

Frage: Sie waren 2011 bei der WM in Daegu im Team des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) dabei. Wussten Sie von der nun veröffentlichten Studie der Uni Heidelberg und der Harvard Medical School, bei der herauskam, dass mindestens ein Drittel der Teilnehmer dort gedopt war?

Jonas Plass (31): Die Studie an sich ist mir komplett neu. Ich wusste nicht, dass so eine Befragung durchgeführt wurde, und ich kann mich nicht erinnern, an so einer Befragung teilgenommen zu haben. Ich weiß nur, dass Daegu der erste Wettbewerb war, wo alle Athleten innerhalb von 24 Stunden nach ihrer Ankunft zur Blutkontrolle mussten. Es kann sein, dass im Zuge dieser Kontrolle ein paar Fragen gestellt wurden, aber das weiß ich nicht mehr.

Frage: Es wurde allen Athleten Blut abgenommen, und das wurde auch getestet?

Plass: Ja. Und 2013 in Moskau ist das genauso gemacht worden.

Deutscher Meister & Doping-Bekämpfer

Jonas Plass war ein deutscher 400-Meter-Sprinter. Der in Rosenheim (Bayern) aufgewachsene Plass war mit der deutschen 4x400-Meter-Staffel bei mehreren Europa- (2010, 2012, 2014) und Weltmeisterschaften (2007, 2009, 2011, 2013) sowie den Olympischen Spielen 2012 in London dabei.

Im Jahr 2011 war der heute 31-Jährige Deutscher Meister über die Stadionrunde. Plass hat Sportmanagement studiert. Außerdem bringt er sich aktiv im Anti-Doping-Kampf ein: Er entwickelt gerade ein GPS-Modul für Athleten, mit dem unangekündigte Dopingkontrollen vereinfacht werden können.

Frage: Wie haben Sie auf das Ergebnis der Studie reagiert?

Plass: Naja, die Faktenlage ist jetzt natürlich neu, aber über die Jahre hinweg hat man natürlich schon ein gewisses Bauchgefühl bei verschiedenen Nationen und Sportlern entwickelt. Somit überraschen mich die Daten eigentlich nicht. Dennoch ist es natürlich etwas anderes, wenn man es schwarz auf weiß bestätigt bekommt.

Frage: Es überrascht Sie also nicht, dass ein Drittel aller WM-Teilnehmer dopen?

Plass: Nein. Es gab ja vorher schon andere Studien mit ähnlichen Ergebnissen. Und bei der Daegu-Studie ist es ja sogar ein Korridor von 30 bis 46 Prozent – es können also auch mehr als ein Drittel gewesen sein. Aber nein – das überrascht mich nicht.

Frage: Warum überrascht Sie das nicht? Haben Sie in Daegu selbst etwas mitbekommen?

Plass: Nein, das nicht. Aber wenn man sich die Entwicklung in den letzten Jahren mal anschaut, ist das schon etwas auffällig.

Frage: Was genau?

Plass: Natürlich, Menschen sind immer unterschiedlich talentiert. Dass Sportler unterschiedlich gut sind, ist normal. Aber wenn ganze Nationen sich plötzlich gut entwickeln, und dann geht die Leistung aber wieder zurück – wirkliche Aufs und Abs – das ist schon komisch. Und wenn man sich die gravierenden Unterschiede anschaut zwischen der deutschen Spitze und der Weltspitze: Wir 400-Meter-Läufer in Deutschland bewegen uns seit rund 15 Jahren in einem Korridor von ein paar Zehntelsekunden, und es gibt Länder wo die Besten einfach mal ganze zwei Sekunden schneller sind. Das ist einfach merkwürdig. Wir sind in Deutschland ja nicht genetisch stark benachteiligt, und die schlechtesten Trainingsbedingungen haben wir auch nicht.

Frage: An welche Nationen haben Sie dabei gedacht?

Plass: Naja bei den Russen ist das ja schon länger belegt. Die haben zum Beispiel im Olympia-Jahr 2012 bei der EM im Juni nur eine B-Staffel nach Helsinki geschickt, ihre A-Staffel ist dann erst im August in London bei den Sommerspielen angetreten. Das ist doch merkwürdig.

Frage: Und sonst?

Plass: Da möchte ich jetzt ungern jemanden belasten, ohne da wirklich Belege zu haben.

Frage: Wie würden Sie das deutsche Team einschätzen? Ist da auch ein Drittel gedopt?

Plass: In Deutschland ist es mit Sicherheit deutlich besser als in anderen Ländern. Aber auch bei uns wird nicht alles sauber ablaufen.

Frage: Warum ist es in Deutschland besser?

Plass: Allein das deutsche Dopingkontrollsystem ist mit Sicherheit eines der besten weltweit. Aber auch bei uns gibt’s immer noch Schlupflöcher – und damit meine ich klare Lücken im gesamten Kontrollprozess. Und wenn es am Ende des Tages Korruption ist. Da kann das System noch so ausgefuchst sein, wenn du am Ende den falschen Menschen sitzen hast, der irgendwas entscheidet, ist das System immer anfällig.

Frage: Ist das gute Kontrollsystem der einzige Grund?

Plass: Nein, da gibt es noch andere. Wie zum Beispiel Professor Treutlein, der Leiter des Zentrums für Dopingprävention der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, sagt: Die Duale Karriere ist die beste Prävention. Wir haben in Deutschland einfach einen immensen Wohlstand. Mit einem positiven Doping-Befund kann man sich seine berufliche Zukunft verbauen. Unsere Sportler haben einfach zu viele Alternativen. Da sagt man lieber: Wenn ich zu einer EM komme, und da vielleicht sogar ein Finale laufe, dann reicht mir das. Aber in anderen Nationen, in denen man weniger zu verlieren hat, geht man so ein Risiko leichter ein, um auch zu WM oder Olympia zu kommen.

Frage: Sie waren bei mehreren WMs, Ems und den Olympischen Spielen in London 2012 dabei – jeweils in der 4x400-Meter-Staffel. Die Einzelnorm des DLV haben sie immer verpasst. Ich vermute also: Sie haben nie gedopt?

Plass: Nein. Und mir ist tatsächlich auch nie etwas angeboten worden. Das überrascht viele Leute – mich selbst auch. Aber ein befreundeter Journalist hat mir erst kürzlich gesagt: Die wissen schon, wen sie fragen können.

Frage: Wissen Sie von anderen Leuten, dass sie gefragt wurden?

Plass: Nee, überhaupt nicht. Alles was ich mitbekommen habe, sind die Leute, die dann wirklich aufgeflogen sind, wie die Sprinter Thomas Goller und Rouven Christ.

Frage: Wenn Sie hätten dopen wollen – hätten Sie gewusst, an wen Sie sich wenden müssen?

Plass: Nein. Ich glaube aber auch, dass unser Kontrollsystem so gut ist, dass die Leute, die das selbst in die Hand nehmen wollen, auffliegen. Das ist nur eine Frage der Zeit. Da muss schon einer auf dich zukommen. Und das macht ja nicht der Hausarzt oder so, sondern das sind Leute, die die Strukturen kennen und wissen, wie der Hase läuft. Und das sind dann die Leute, die nicht so leicht auffliegen.

Frage: Bedeutet das ihrer Meinung nach, dass das größere Problem nicht die Athleten selber sind – auch wenn die natürlich diejenigen sind, die die Mittel nehmen?

Plass: Mit Sicherheit. Das sieht man alleine an den Normen des DLV – die werden so angesetzt, dass man damit eine Chance auf eine Final-Teilnahme hat. Wenn man davon ausgehen muss, dass so viele Konkurrenten Mittel nehmen oder sich Verfahren unterziehen – wie soll man das als sauberer Athlet hinbekommen? Das soll jetzt nicht heißen, dass jeder Deutsche, der nominiert wird, irgendwas genommen hat. Aber es erhöht den Druck auf viele Athleten. Das heißt, entweder man sieht es als ambitioniertes Hobby, oder man muss es mit kompletter Konsequenz durchziehen.

Frage: Das heißt?

Plass: Wenn du wirklich davon gut leben willst, und vielleicht noch einen Puffer für die Zeit nach der Karriere einrechnest, dich voll auf den Sport konzentrierst und erst nach der Sportlerkarriere eine Ausbildung machst – dann bist du ja fast gezwungen, an einer internationalen Meisterschaft teilzunehmen, um auch Sponsorengelder zu bekommen. Und dann bist du in diesem Teufelskreis gefangen. Selbst wenn du in einer Sportfördergruppe bist: Du musst immer deine Leistung bringen, um da drin zu bleiben. Am besten ist es, wenn du da unabhängig bleibst.

Frage: Wie war das bei Ihnen?

Plass: Ich habe das Glück gehabt, mir mit dem Sport meinen studentischen Lebensstil finanzieren zu können. Nicht mehr und auch nicht weniger. Ich war nie wirklich darauf angewiesen, mit dem Sport viel Geld zu verdienen.

Frage: Sie haben es ziemlich erfolgreich geschafft, aber führt das System nicht auch dazu, dass immer mehr Leute es gar nicht mehr versuchen, zum Beispiel in den Lauf-Disziplinen, zu den Olympischen Spielen oder gar zu Medaillen zu kommen, weil sie sagen: Das schaffe ich ja ohnehin nicht?

Plass: Ja auf jeden Fall. Es gibt auch zu viele Alternativen zur Leichtathletik, die cool sind und wo viel Geld drinsteckt. Wenn ich mir überlege, was ich auf allen Vieren über die Tartanbahn gekrochen bin, für `nen Appel und `n Ei, und du kannst auch einfach Skateboard oder BMX fahren, dabei cool sein und abhängen, und kriegst genauso Sponsoren. Da braucht man sich nicht wundern, dass gerade Disziplinen wie die 400 Meter in Deutschland aussterben. Und auch generell müssen Spitzensportler im Hinblick auf Social Media ziemlich aufpassen – das ist heutzutage Fluch und Segen zugleich.

Frage: Wieso?

Plass: Weil das nach ganz anderen Kriterien funktioniert. Ein Beispiel: Ich war einer der letzten Leichtathleten, die von Ascics gesponsort wurden. Alle anderen sind rausgeflogen, weil Asics sich aus der Stadionleichtathletik komplett zurückziehen wollte. Stattdessen pushen sie ihre Lauf-Squad, die „Frontrunner“, so dermaßen und machen sie zum Influencern, dass die den wirklichen Spitzensportlern den Rang ablaufen. Dann geht das Geld dahin. Das ist für die Leichtathletik ein Problem. Aber dasselbe Problem findet sich auch bei vielen anderen Marken und deren Brand Ambassadorn.

Frage: Hätten Sie noch andere Ideen, wie man Doping effektiver bekämpfen kann?

Plass: Die Universallösung wird es wohl nicht geben, also die eine zündende Idee, nach der es kein Doping mehr gibt. Es gibt ein neues Forschungsprojekt mit Gen-Markern. Das Ganze soll schon bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio eingesetzt werden. Das ist mit Sicherheit ein Fortschritt. Aber ich bin kein Biochemiker, ich kann nicht sagen, wo es da noch Lücken gibt. Die Stoffe werden sicher nicht zwei Jahre lang nachweisbar sein, und vielleicht gibt es da auch Maskierer. Aber ich denke, es muss weiter unangekündigte Kontrollen geben, ein ordentliches Koordinations- und Planungssystem, ordentliche Analysemöglichkeiten. Und mit Sicherheit ist es auch wichtig, dass nicht nur eigene Dopingkontrolleure die Athleten kontrollieren.

Frage: Was meinen Sie damit?

Plass: Das Bundes-Innenministerium gibt Geld an die Nada, damit deutsche Athleten kontrolliert werden. Als der Anti-Doping-Kampf anfing, hat der DLV seine eigenen Athleten kontrolliert. Ganz schön bescheuert, das ist ja wie wenn der eigene Trainer die Athleten kontrolliert. Im Prinzip ist das jetzt nur auf einer anderen Ebene der Fall. Man bräuchte eine viel intensivere Zusamenarbeit. Teilweise gibt es das schon, es gibt IAAF-Kontrollen, und auch deutsche Kontrolleure, die internationale Athleten testen – aber das passiert noch viel zu wenig.

Frage: Also unabhängigere Kontrollen?

Plass: Ja genau. Unabhängiger, und vor allem die gleichen Niveaus weltweit. Da muss eben mehr Zusammenarbeit stattfinden. Im Moment hab ich das Gefühl, das ist nur so ein versprenkeltes Feuerwerk, hier ein bisschen und da ein bisschen. Da muss mehr passieren.

Frage: Gibt es weitere Wege gegen Doping?

Plass: Man müsste auch überlegen, ob nicht teilweise zu viel Geld im Spitzensport steckt – denn das ist ja das grundsätzliche Problem. Meinetwegen kann der absolute Betrag so bleiben, aber vielleicht kann das Geld über soetwas wie einen Soli besser verteilt werden. Einen Geldpool, in den alle einzahlen und der an alle Verbände je nach Anzahl der Athleten ausgeschüttet wird. Oder in punkto Startrecht von überführten Dopern: Da müssten sich die Veranstalter zusammenschließen und sagen, wer einmal wegen Dopings gesperrt war, darf zum Beispiel bei Diamond League Meetings nicht mehr starten. Gerade da ist viel Geld zu machen, und bevor du nur noch bei kleineren Wettkämpfen antreten darfst, wo du nur ein Drittel der Antrittsprämie bekommst, überlegst du dir das vielleicht schon dreimal. Es gibt noch viele Fronten und Stellschräubchen, an denen gedreht werden müsste.