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NWZonline.de Sport Leichtathletik

Leichtathletik: Zwischen Wickeltisch und Wettkampf

20.08.2015

Peking Der kleine Marlon trägt es mit Fassung, Mama ist dagegen untröstlich. „Zwei Wochen ohne ihn, so lange waren wir noch nie getrennt“, sagt Christina Obergföll. Die Speerwurf-Weltmeisterin will in Peking ihren Titel verteidigen, ihr einjähriges Söhnchen muss deshalb ein wenig zurückstecken: „Und das ist echt hart für mich.“

Nach den Weltmeisterschaften 2013 in Moskau setzte der große Baby-Boom ein, eine Reihe von Spitzen-Athletinnen nutzte das Übergangsjahr, um die Familienplanung voranzutreiben. Nun kehren Obergföll, Speer-Kontrahentin Marija Abakumowa oder die Siebenkämpferinnen Jessica Ennis-Hill und Jennifer Oeser zurück – und haben dabei mit ungewohnten Problemen zu kämpfen.

„Es ist anstrengend mit Kind, da fehlen oft ein paar Prozent“, sagt die 33-jährige Obergföll über den Spagat zwischen Wettkampf und Wickeltisch: „Hin und wieder bin ich einfach platt.“ Die temporäre Trennung vom Sohnemann könnte aber auch beflügeln: „Ich bin gespannt, wie es leistungsmäßig wird, wenn ich mal zehn Tage für mich und ausgeruht bin.“

Auch Ennis-Hill, britische Siebenkampf-Olympiasiegerin, musste sich an die Doppelbelastung gewöhnen. „Normalerweise habe ich nach einem harten Wettkampf ein paar Tage gefaulenzt – das geht nicht mehr“, sagt die 29-Jährige, die im Juli 2014 Sohn Reggie auf die Welt brachte und in Peking schon wieder zu den Favoritinnen zählt.

2009 holte Ennis-Hill in Berlin WM-Gold vor der Leverkusenerin Jennifer Oeser, sechs Jahre später tragen die beiden im Vogelnest ein Mama-Duell aus. Oeser ist seit Oktober stolze Mutter von Sohn Jakob, die WM-Qualifikation zehn Monate später ist schon ein Riesen-Erfolg.

„Jakob fordert immer mehr Aufmerksamkeit, da ist nichts mit auf die Couch legen“, sagt die 31-Jährige: „Aber er gibt unheimlich Kraft.“ Im Vergleich zum Alltag von Russlands Speer-Star Abakumowa ist Oesers Leben sogar ein Kinderspiel: Die Weltmeisterin von 2011 ist seit Mai 2014 Mutter von Zwillingen.

Filmreif ist die Geschichte der amerikanischen 800-Meter-Läuferin Alysia Montano. Diese startete im Juni 2014 bei den US-Meisterschaften – im achten Schwangerschafts-Monat. Sie wurde Letzte, sorgte für großes Aufsehen. „Ich habe gespürt, dass das Training mir und dem Kind richtig gut tut“, sagte Montano. Sieben Wochen später kam Tochter Linnea Dori kerngesund auf die Welt, und Montano qualifizierte sich im folgenden Sommer sogar für Peking.

Andere junge Mütter fehlen im Vogelnest. Russlands Stab-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa, deren Tochter Ewa im Juni 2014 geboren wurde, will bei Olympia 2016 ein letztes Mal angreifen. Hochspringerin Ariane Friedrich setzt die komplette Saison aus, kümmert sich ums elf Monate alte Töchterchen Amy.

Tatjana Beloborowa, unter ihrem Mädchennamen Lyssenko 2013 Hammerwurf-Weltmeisterin, hat zwar ihr Comeback gefeiert, tritt aber wegen Formschwäche bei der WM nicht an. „Es gibt keinen Grund für mich, nach Peking zu fahren“, sagte die 31-Jährige: „Da kümmere ich mich lieber um meinen sechs Monate alten Sohn.“ Christina Obergföll wird es nachvollziehen können.

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