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NWZonline.de Region Wesermarsch Gemeinden Lemwerder

Pilot-Projekt: Wir sind die Fachkräfte von morgen

09.09.2017

Lemwerder /Oldenburg Tief beugt Haish Abraha seinen Kopf über den Schraubstock. Mit der Metallfeile arbeitet er an einem Gegenstand. Immer wieder und wieder. Bis er zufrieden den Blick hebt. Er trägt in der Werkstatt einen hellgrünen Pullover – so wie seine Kollegen Sherwan Hanifi und Fuaad Ahmed. Der grüne Pulli zeigt: Wir gehören zum Team der Auszubildenden bei Carbon Rotec in Lemwerder. Hätte den drei jungen Männern vor zwei Jahren jemand gesagt, dass sie nun hier im grünen Pulli an diesem Schraubstock stehen würden, sie hätten es nicht geglaubt.

Die jungen Männer sind Flüchtlinge, die aus Verzweiflung ihre Heimatländer verlassen haben. Sherwan Hanifi ist aus Syrien geflüchtet, im Dezember 2015 kam er nach Lemwerder. Zuvor hatte er ein Jahr lang in der Türkei gelebt und dort täglich 15 Stunden lang als Schneider geackert. Haish Abraha ist 24 Jahre alt, er kommt aus Eritrea, lebt jetzt in Lemwerder und hat dort in der Begu und im BBZ Brake Deutsch gelernt. Der Dritte im Bunde ist Fuaad Ahmed. Er ist erst 21 Jahre alt und ist 2014 aus Somalia geflüchtet.

„Sehr diszipliniert“

Anfang August sind sie in die Berufsausbildung zu Verfahrensmechanikern für Kunststofftechnik in der Fachrichtung Faserverbundtechnik gestartet. Und das, obwohl sie als Flüchtlinge weder Muttersprachler sind, noch den eigentlich notwendigen Schulabschluss vorweisen konnten. Und dennoch verspricht sich Ausbildungsleiter Helmut Ammermann viel von seinen neuen Schützlingen: „Sie sind sehr diszipliniert, stehen pünktlich um 6 Uhr in der Werkstatt, sind viel motivierter als andere Jugendliche und sehr zuverlässig. Getroffene Vereinbarungen werden von ihnen konsequent eingehalten.“

Und der Ausbildungsleiter weiß auch, dass diese drei Azubis mehr für ihren Erfolg tun müssen als die meisten anderen. Weil sie sprachlich permanent dazu lernen müssen und Lücken in der Schulausbildung schließen müssen. Ammermann ist davon überzeugt, dass Flüchtlinge dazu beitragen können, dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken: „Wir würden dieses Ausbildungsprojekt weiterführen, wenn es leistbar ist“, sagt Ammermann und verbindet damit die Hoffnung, dass das Projekt mit Fuaad, Sherwan und Haish Schule macht.

Denn beim Thema Leistbarkeit zeigt sich: So einfach ist es nicht, jungen Flüchtlingen eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Hier kommen andere Partner ins Spiel.

Zum Beispiel der Gemeindejugendpfleger Leo Farwick. Er kennt die drei Flüchtlinge seit ihrer Ankunft in Lemwerder. Er hat sie im Jugendzen-trum betreut, mit ihnen in der ehrenamtlichen Fahrradwerkstatt gearbeitet und sie bei Behördengängen unterstützt. Farwick war es, der den Jungs die Türen in örtliche Unternehmen und damit in ein solides Berufsleben öffnen wollte. Und dafür hat sich Farwick reingehängt.

Der Anfang wurde mit einem vierwöchigen Praktikum geschafft. „Dabei zeigte sich die Affinität der Kandidaten“, bestätigt Ammermann. Doch damit waren Fuaad, Sherwan und Haish nicht fit genug für die Berufsschule. „Das reichte noch nicht für eine Ausbildung“, sagt der Ausbildungsleiter. Also schloss sich für das Trio ein Einstiegsqualifizierungsjahr ab Februar 2017 an. Das wurde gefördert von der Agentur für Arbeit. Dieses „EQJ“ kann man sich wie eine Ausbildung auf Probe vorstellen. Ein halbes Jahr lang wurde getestet, ob die Jungs zum Job passen, ob ihre Sprachkenntnisse besser werden, ob sie in der Berufsschule mithalten können.

Konnten sie. Nicht zuletzt, weil sich Ausbildungsassistent Mattis de Vries von Carbon Rotec intensiv um die Flüchtlinge gekümmert hat. „Das ging los mit Klebezetteln auf Steckdosen, Türklinken und Bohrmaschinen, um die Sprache zu lernen“, denkt Ammermann zurück. Und endete schließlich im Fachvokabular, das für den Job vonnöten ist. „Aber dauerhaft können wir so eine Betreuung von betrieblicher Seite aus nicht gewährleisten“, sagt der Ausbildungschef.

Ein „Feelgoodmanager“

Also sitzt nun das Oldenburger Unternehmen bbf sustain mit im Boot. Das zapft Fördermittel der EU und des Landes an und tritt als Ausbildungsbegleiter für die künftigen Fachkräfte auf. Die Mitarbeiter kümmern sich um zusätzlichen Sprachunterricht, unterstützen bei Hausaufgaben, der Wohnungssuche, Formalitäten und Behördengängen. Das Oldenburger Unternehmen ist auch der eigentliche Arbeitgeber der drei Auszubildenden, die an Carbon Rotec vermittelt werden. Arne Juniel ist bei bbf sustain der Ansprechpartner für Fuaad, Haish und Sherwan. Sein Titel: Feelgoodmanager. Darüber mag man ins Schmunzeln geraten. Aber: Wenn er gemeinsam mit seinen Schützlingen alle Hürden nimmt und für Carbon Rotec am Ende drei über die Maßen motivierte und gut ausgebildete Fachkräfte herauskommen, gibt es nur Gewinner. Glückt dieses Pilotprojekt, schlüpfen vielleicht weitere Flüchtlinge in die grünen Pullover von Carbon Rotec, um Teil dieses Ausbildungsteams zu sein.

Anja Biewald Redakteurin / Lokalredaktion
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