„Die Freiheit über alles! – Wir brauchen nach Corona mehr Zweifel, weniger Angst und weniger Staat“, Analyse von Alexander Will, Meinung, 3. September

Welche Freiheit hätten’s denn gern? Herr Will hat aus der Corona-Krise zwei wesentliche Erfahrungen gezogen:

1. Wissenschaftliche Erkenntnisse seien keine ewigen Wahrheiten. Ich glaubte, das sei schon seit Galilei bekannt.

2. In Deutschland grassiere die Verachtung der individuellen Freiheit. Schon eine Autobahnfahrt durch unser Land legt eigentlich das Gegenteil nahe.

Er beklagt einen „freiheitsmüden inneren Schweinehund der Deutschen“. In welchen Echokammern bewegt er sich denn? Die große Zustimmung zu den demokratischen Parteien in Wahlergebnissen und Umfragen und die empörte Ablehnung staatlicher Übergriffe in einigen europäischen Nachbarstaaten legen das Gegenteil nahe.

Die Freiheitsrechte sieht Herr Will ausschließlich durch den Staat bedroht, der durch Verbote und Reglementierungen den Einzelnen über Gebühr gängele. Ich habe aber ein Parlament und eine Regierung gewählt, die nicht zu schlafen haben, sondern im Rahmen der verfassungsmäßigen Vorgaben zu gestalten und handeln, wenn Gefahr im Verzug ist, zum Beispiel wenn eine Pandemie sich ausbreitet. Und die Bedrohungen der Freiheit durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Mächte, der insbesondere die Sozialstaatsklausel des Grundgesetzes entgegentreten soll, hat Herr Will völlig ausgeblendet und diffamiert derartige Bestrebungen unter Hinweis auf ein merkwürdiges Sozialismusgespenst.

Kurz: Mit dem Absondern von Plattitüden und dem Aufbau von Popanzen, auf die er dann so trefflich eindreschen kann, liefert Herr Will keinen ernst zu nehmenden Beitrag zur Diskussion um die politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen der Corona-Krise.

Gerhard Becker Varel

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Eine Infektion kann jeden Menschen treffen. Also haben wir andere und uns dagegen, so gut wir können, zu schützen, und sehr gut können wir das eben noch nicht. Es fehlt an Erfahrung und Sicherheit. Noch mehr aber fehlt es an Toleranz und Gelassenheit gegenüber äußeren Einschränkungen. Ein Mundschutz ist eben kein Maulkorb, sondern nur ein Signal für eigene Rücksichtnahme! – Allerdings, Freiheit muss immer neu erstritten werden. Gegen Verordnungswut helfen Verwaltungsgerichte wirksam. Doch davon abgesehen, echte Freiheit würde zum bloßen Verlangen nach ungestörtem „weiter so“, wäre sie nicht von unserer Bereitschaft zu Eigenverantwortung und Solidarität getragen.

Ivo Kügel Oldenburg

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Wer fordert „bedingungslosen“, „kritiklosen“ Glauben an die Wissenschaft? Ich kann niemanden erkennen. Tatsächlich konnten wir in den vergangenen Monaten erleben, wie Wissenschaft arbeitet: sie korrigiert ihre Erkenntnisse und verkündet gerade keine absoluten Wahrheiten. Wie oft hat Drosten in seinem Podcast „soweit wir heute wissen“ gesagt?!

Will baut also mal wieder einen Popanz auf. Auf der anderen Seite hält er sich an allzu einfache „Wahrheiten“: Ein starker Staat bedeute weniger persönliche Freiheit.

So einfach ist es allerdings nicht: Denn nur ein Staat kann Freiheitsrechte garantieren. Das Gegenbeispiel sehen wir derzeit in den USA: einen schwachen Staat, in dem das Recht des Stärkeren gilt und die Freiheiten der Schwächeren eingeschränkt werden.

Diese von keinerlei Sozialismus angekränkelte Gesellschaft verweigert vielen Kindern eine vernünftige Schulbildung und macht den Zugang zu höherer Bildung vom Einkommen der Eltern abhängig, hat aus Gefängnissen ein Geschäftsmodell gemacht, lässt Arme und Kranke im Stich.

Auch wenn die soziale Durchlässigkeit unseres Bildungssystems noch zu wünschen übrig lässt: Ich lebe wesentlich freier in einem Land ohne „gated communities“, in einer Gesellschaft, die mich in einer Krise nicht ins Bodenlose fallen lässt, sondern mir im Fall von Armut oder Krankheit ein Mindestmaß an Sicherheit bietet.

Ironischerweise hat Wills Haltung zur Freiheit religiöse Züge: „Die Freiheit über alles!“ macht aus der Freiheit einen Götzen.

Angelika Nothwang Oldenburg

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Herr Will hat natürlich recht, dass die Wissenschaft sich immer weiter entwickelt und manche früheren Erkenntnisse revidiert. Es gibt aber auch genug gesicherte Erkenntnisse der Wissenschaften.

Zum Beispiel, dass die Erde eine Kugel ist und kein Würfel. Oder dass Corona ansteckend ist! Und dass inzwischen schon Leute daran gestorben sind. Wie gesagt, Wissenschaftler können sich irren, aber das ist doch noch lange kein Grund, dass die große Masse der Leute, die gar keine eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse haben, nach eigenem Gutdünken Regeln missachten und dadurch andere gefährden, nur um sich möglichst viele Freiheiten zu bewahren!

Mit dem gleichen Argument könnten die ja auch die nachgewiesenen Gefahren des Rauchens ignorieren und ohne Rücksicht auf andere im Restaurant oder im Krankenzimmer rauchen. Oder im Sommer im Wald grillen mit dem Hinweis dass dieser Wald noch nie gebrannt habe!

Eine menschliche Gemeinschaft kann nur mit Regeln funktionieren. Und das bezieht sich ebenso auf nicht staatliche Gemeinschaften wie zum Beispiel Mafia, Rockerbanden oder Gangs. Und wer dort Regeln missachtet, der möge sich warm anziehen. Und sollte jemand meinen, jeder solle nach eigenen Regeln leben, dann nennt man das Anarchie! Die Folgen sollte sich jeder ausmalen können.

Jörg Kuhlmann Oldenburg