• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Nachrichten Politik Kommentare & Meinungen Leserbriefe

In Sorge wegen Seiteneinsteigern

06.01.2018
Betrifft: „Rekord an Seiteneinsteigern“, Titelseite, sowie „Gerne Querdenker“, Kommentar von Lars Reckermann zum Thema Lehrermangel, Meinung, 29. Dezember; sowie weitere Berichte

„Wow!“, staunt der Chefredakteur bei der Lektüre des Satzes, der Lehrer müsse die Sache doch nur mit den Augen des Kindes betrachten. Und folgert: Dann ist es doch schnuppe, ob jemand mit oder ohne Lehrerausbildung kommt, ob jemand studiert und Referendariat gemacht hat oder von der Seite einsteigt.

Nehmen wir als Beispiel ein besonders schönes Fach: Eine Musiklehrerin muss es künstlerisch draufhaben, sonst kann sie keinen Chor und kein Orchester aufbauen. Sie muss wissen, was eine Orgel ist, wie ungefähr sie funktioniert, was sie kann und was sie für das europäische Kulturerbe bedeutet: Erst dann kann sie „mit den Ohren des Kindes“ hören und ihren Zauber erklären. Und sie muss wissen, wie sie klein Fritzchen, der sagt, „ich kann nicht singen“, das Gegenteil beweist: wie man eine Schulklasse zum Singen und Musizieren bringen kann.

Es sind diese drei Standbeine, und wenn eines fehlt, steht der ganze Tisch nicht. (...) Wenn es nicht gut läuft, erwachsen keine AGs und keine Oberstufenkurse. Auf Jahrzehnte ist ein einziger Seiteneinsteiger in der Lage, das komplette Musikleben so einer Schule zu blockieren. Und das ist kein theoretisches Konstrukt, dafür gibt es konkrete Beispiele. Die Dinge mit den Augen des Kindes betrachten – und mit den Ohren des Kindes hören: Eben das will gelernt sein (...).

Ralf Beiderweiden
Oldenburg

Einschulung 1944, sechs Jahre Grundschule. Solche Daten erzählen eine Geschichte mit Schulausfällen, Lehrerausfällen, wachsenden Schülerzahlen und hochmotivierten Lehrern. Die Überzeugung der einzelnen Lehrer waren das Rüstzeug für uns Schüler. Die Disziplin wurde denen beigebracht, die frech, ungezogen und den Unterricht (60 Schüler in acht Jahrgängen) störten.

Die Neuzeit (als meine Kinder zur Schule kamen, 1966) hatte einen neuen Typus Lehrer. Sie kamen jeden morgen von Oldenburg nach Strückhausen und fuhren nachmittags wieder dorthin zurück. Lehrer sein war ein Job, Ausnahmen gab es bei den älteren Lehrern. Seiteneinsteiger gab es damals auch schon, die Bäuerin, die Handarbeiten und Biologie-Unterricht erteilte.

Mein Eindruck ist es, dass es für das niedersächsische Kultusministerium nicht sein kann, dass auch andere Wege sehr gute Pädagogen hervorbringen. Aber Ausfälle an Schulunterricht durch fehlende Lehrer und Lehrerinnen kann kein Elternpaar ergänzen!

Hartmut Feddersen
Brake

 Die Einstellung von „Quereinsteigern“, die Ihr Kommentator sehr begrüßt, führt in der Praxis jedoch häufig zu Problemen. Abgesehen davon, dass die Politik wieder einmal das Signal aussendet, dass (...) jeder diesen „Freizeitjob“ machen kann, besteht die Aufgabe einer Lehrkraft nur zu einem geringen Teil in der Weitergabe von Hochschulwissen. Nicht selten dozieren Diplom-Quereinsteiger wie in einem Hörsaal über Quantenphysik, haben jedoch überhaupt keinen Draht zu ihren Schülern und sind bei Desinteresse, Unterrichtsstörungen und Verweigerung völlig überfordert.

Wenn man in Niedersachsen jahrelang Lehrkräfte beleidigt (Stichwort „faule Säcke“), (...) ihnen permanent Mehrarbeit zum Beispiel durch Inklusion und Integration aufdrückt und gleichzeitig Urlaubs- und Weihnachtsgeld streicht sowie die Gehälter von der allgemeinen Einkommensentwicklung abhängt, darf man sich doch nicht wundern, dass niemand mehr diesen Beruf ergreifen möchte!

Während ein VW-Arbeiter sich bei einer überschaubaren Arbeitszeit von 30 Wochenstunden beziehungsweise Vier-Tage-Woche über knapp 10 000 € Weihnachtsgeld erfreuen darf und als fleißig gilt, gehen Lehrkräfte bei einer Arbeitszeit von 46,5 Wochenstunden ohne Weihnacht- und Urlaubsgeld, ohne jegliche Anerkennung, aber mit viel Verachtung nach Hause. In den viel gepriesenen „Ferien“ sitzen die Lehrkräfte dann über den hunderten Korrekturen, aber diese Arbeitszeit gilt ja als Freizeit.

Eine Bevölkerung, die bereit ist, 80 000 € Euro für ein Auto auszugeben, sich aber über 80 Cent für ein Hausaufgabenheft empört, ist es nicht wert, dass man ihre Kinder noch länger erzieht und bildet! (...)

Ulf Baumann
Hude

Als Fachleiter für besondere Aufgaben am Studienseminar Oldenburg für berufsbildende Schulen (LbS) war ich in den letzten Jahren (bis 07. 2017) für die Ausbildung der Seiten- bzw. QuereinsteigerInnen zuständig. In einigen Bereichen der BBS sind wir seit vielen Jahren extrem auf den Einsatz von Seiten- und QuereinsteigerInnen angewiesen.

Der stetig anwachsende Anteil von Lehrkräften, die über diesen Zugang an die Schulen gelangt, erfüllt mich mit Sorge um die Qualität der Ausbildung an den BBS insgesamt. Aus den Folgen dieser kritischen Entwicklung werden leider keinerlei angemessene Konsequenzen gezogen – weder vom Kultusministerium noch von den Studienseminaren oder gar den Schulen.

Die ständig wachsenden Anforderungen an das Bildungssystem werden so auf der Strecke bleiben.

Gerd Carstens
Jaderberg

Vielen Dank für das Bild auf Seite eins. Jetzt weiß ich endlich, was Niedersachsen unter „Digitalisierung in den Schulen“ versteht: Die Lehrkraft hält statt eines Buches, aus dem sie die Mathe-Aufgaben weiter mit Kreide an die Wandtafel schreibt, ein Tablet in den Händen. Dadurch wird sie zumindest aufgrund des geringeren Gewichtes vor Sehnenscheidenentzündungen geschützt. Sehr fürsorglich von ihrem Arbeitgeber gedacht.

Was mich aber sehr verwundert, ist die Schwere der Aufgaben, die hier (mindestens Klasse 5, da Integrierte Gesamtschule) an der Tafel stehen. Hoffentlich sind die zu Unterrichtenden damit nicht überfordert, und wir schneiden bei den nächsten Pisa- oder ähnlichen Studien noch schlechter ab.

Peter Büsing
Oldenburg

Weitere Nachrichten:

Kultusministerium | Volkswagen | BBS

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.