Es scheint, dass Herr Diederichs nicht verstanden hat oder nicht verstehen will, warum der Tod von George Floyd so viele Menschen bewogen hat, auf die Straße zu gehen (...). Die überproportional häufigen Todesfälle bei schwarzen Amerikanern, wenn diese von der US-Polizei kontrolliert oder festgenommen werden, sind kein neues Phänomen, sondern eine seit Jahrzehnten bekannte Folge von weit verbreitetem Rassismus unter schlecht ausgebildeten, überforderten Polizisten.
Es geht der (...) „Black Lives Matter“-Bewegung also um die Aufdeckung und Bekämpfung von Rassismus, der von staatlicher Seite ausgeht. Die vielen Todesfälle in Folge von Kriminalität innerhalb der afroamerikanischen Communitys sind sicher ein großes Problem (...). Aber es ist journalistisch grob fahrlässig, sie mit der Polizeigewalt gegen Schwarze zu verquicken. Die Morde in Chicago und anderen Städten werden nämlich von Verbrechern begangen, und nicht von Polizisten (...).
Noch ärgerlicher ist es, dass Herr Diederichs die von ihm zitierte Statistik der Washington Post bewusst fehlinterpretiert und eine Kernaussage unterschlägt. Im Originalartikel heißt es: „Obwohl die Hälfte der Menschen, die von der Polizei erschossen und getötet werden, Weiße sind, werden schwarze Amerikaner unverhältnismäßig häufig erschossen. Sie machen weniger als 13 Prozent der US-Bevölkerung aus, werden aber mehr als doppelt so häufig von der Polizei getötet wie weiße Amerikaner.“ (...)
Was die NWZ hier als „Analyse zur Gewalt gegen Schwarze“ präsentiert, ist eine (...) tatsachenverdrehende Polemik. Da wundert es nicht mehr, dass am Ende das wahre Ziel von BLM benannt wird: Trump aus dem Weißen Haus zu jagen. (...)
Ihren heutigen Artikel habe ich mit Interesse gelesen. Der Perspektivwechsel ist wichtig und hat dazu geführt, dass ich einige Ansichten zu dem Thema korrigiere. Es ist sicher bequem, alles, was mir nicht in den Kram passt, als Fake News abzutun, aber ich gehe davon aus, dass Sie ein seriöser Journalist sind.
Gerade diese kontroversen Diskussionen werden ja immer seltener. Deshalb finde ich es mutig, dass sie von diesem unerträglichen Mainstream abweichen. Dazu kommt noch, dass Fakten zusehends von Emotionen verdrängt werden.
Herr Diederichs offenbart in seinem Artikel eine Haltung, die offensichtlich seiner sozialen Stellung entspricht: das Weltbild eines alten weißen Mannes. (...) Es wird mit keinem Wort auf die (...) Benachteiligung der braunen und schwarzen Amerikaner eingegangen. Es wird der Anschein erweckt, dass es den Schwarzen opportun ist, wenn ein weißer Polizist einen Schwarzen foltert oder erschießt, die „black on black“-Morde aber negiert oder bewusst nicht thematisiert werden. Tatsächlich findet aber in der „black community“ eine lebhafte Debatte eben über diese Kriminalität unter Schwarzen statt. (...)
„Black Lives Matter“ wurde zu allererst als Bewegung geschaffen, um auf die systematische Brutalität der Polizei gegenüber Schwarzen aufmerksam zu machen. Verglichen mit ihrem Bevölkerungsanteil werden deutlich mehr Schwarze kontrolliert, falsch bezichtigt, eingesperrt, und eben auch: erschossen. (...) Es war nie das Ziel von BLM, sich um das universale Thema aller getöteten Schwarzen zu kümmern. Das Hauptproblem ist generell die extrem leichte Verfügbarkeit von Waffen.
Bezüglich der verschiedenen Forderungen, Gelder aus dem Polizeiapparat zu entziehen, stellen die seriösen Aktivisten die richtigen Fragen: Warum sind die Etats der Polizei in den letzten Jahren so extrem gestiegen und gleichzeitig sind die Sozialetats kleingestrichen worden? Warum treten die Polizisten in original Armee-Kampfmontur auf (...), noch bevor eine Demo überhaupt eskaliert?
Die Polizei in den USA muss sich die Frage gefallen lassen, wie hoch ihr Anteil am Problem ist, und wie sie wieder als Freund und Helfer wahrgenommen werden kann.
Es ist schon erstaunlich, dass die NWZ einen Journalisten aus den USA berichten lässt, der offenkundig immer noch nicht den systemimmanenten Rassismus dort begriffen hat. Dass die Vertreter und Anhänger von BLM einen anderen Präsidenten als Trump haben wollen, vereint sie mit allen demokratisch denkenden und fühlenden Menschen: Das ist kein Grund für rechte Verschwörungstheorien.
Die überdurchschnittliche Gewalt in schwarzen Stadtteilen liegt nicht zuletzt daran, dass diese administrativ nahezu aufgegeben wurden und sich die Polizei dort gar nicht mehr hintraut. Ghettoisierung ist ein Teil der historischen systematischen Diskriminierung.
Vielen Dank für Ihren heutigen Artikel. Bei der bisherigen Berichterstattung in unseren Medien kriegt man den Eindruck, alle weißen Polizisten strebten in den USA danach, Schwarze zu töten. Außerdem klingt es so, als ob die USA ein durch und durch rassistisches Land seien, in dem sich seit den 50er Jahren nichts geändert habe. Das ist –bei allen Defiziten – blanker Unsinn, was durch Ihren Artikel deutlich wird.
