Papst Franziskus hat unlängst die Übersetzung des Vaterunsers bemängelt. Es geht um die Bitte „Lass mich nicht in Versuchung geraten“. Der Bibelexperte Professor Kähler hingegen hält die Übersetzung für korrekt und würde darüber hinaus auch aus theologischer Sicht nichts daran ändern. Das hat mich verwundert. Der Wortlaut der sechsten Vater-Unser-Bitte scheint anzudeuten, dass Gott selbst den Gläubigen verführen wolle. Diese Übersetzung würde alle Vorstellungen vom Gott der Liebe Lügen strafen. Das kann Jesus doch nicht gemeint haben. Das Problem ist die griechische Textfassung. Jesus hat aber aramäisch gesprochen. In der aramäischen Rückübersetzung führt uns niemand von außen in Versuchung, am wenigsten Gott. Das aramäische Wort „Nesjuna“ könnte mit Versuchung übersetzt werden; im aramäischen Sinne weist es auf etwas hin, das uns zu innerem Schwanken und Unruhe verführt und uns von unserer eigentlichen Lebensaufgabe ablenkt. Damit passt das auch zu einer anderen Bibelstelle Jak. 1,13: Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht. Papst Franziskus liegt mit seinem Anliegen also durchaus richtig (...).
