„Kirche muss Abstand wahren – Interview: Der Publizist Klaus Rüdiger Mai über die Politisierung des Christentums“, Meinung, 2. Mai

„In der Kirche soll Gottesdienst stattfinden, nicht Menschendienst“, sagt Klaus Rüdiger Mai. Da stellt sich die Frage, was ist Gottesdienst, wenn nicht der Dienst Gottes für die Menschen? Spätestens gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat die protestantische Theologie wieder erkannt und beschrieben, dass die Kirche nicht im elitären Juliusturm der dem Jenseits zugewandten Frömmigkeit verharren kann, sondern in das Leben, besonders das Zusammenleben der Menschen hinein zu predigen hat. Meistens kritisch und damit auch Widerspruch provozierend. Etwa 80 Jahre später haben auch katholische Kräfte diese Gedanken umzusetzen begonnen. Musterbeispiel: Kardinal Karl Lehmann.

Schon der von Mai zitierte Martin Luther war ein außerordentlich politisch predigender und damit gesellschaftlich Einfluss nehmender Kirchenmann, streitbar und unmissverständlich. (...) Anlässlich der Konstituierung des neuen Bundestages berichteten die Zeitungen, welche Abgeordneten besonders in ihren christlichen Kirchen verwurzelt sind. Das ist nicht uninteressant im Rahmen der teilweise sehr emotional geführten Debatte über eine „deutsche Leitkultur“. Es gibt bekanntlich erhebliche Schwierigkeiten, eine solche zu formulieren. Umso wichtiger ist es zu erfahren, welche Werte die einzelnen Abgeordneten leiten. An die kirchlich verwurzelten Abgeordneten haben zahlreiche Kirchenmitglieder klare Erwartungen. Sie erwarten – und vermissen oft – eine an der christlichen Nächstenliebe orientierte politische Arbeit. Da muss die Kirche ihrer Verantwortung folgen (...).

Gerhard Roos Stadland-Norderschwei