Es ist sicher einer Ihrer wichtigsten und nachhaltigsten Kommentare – gibt es doch kein Thema, das den bewusst lebenden und denkenden Bürger tiefer beeindruckt, als die ungeheuerlichen Verbrechen in den Vernichtungslagern der Nazis – in deutschem Namen! (...)
Ob sich meine persönliche Beunruhigung, mein immerwährendes Entsetzen als Unbeteiligter und Deutscher in der zweiten Generation nach den verbrecherischen Morden und zerstörerischen Kriegen als „zweite Schuld“ nach dem Verständnis des Herrn Gauck verstehen lässt, wage ich zu bezweifeln. Wer wollte von den nachfolgenden Generationen junger Deutscher ein Schuldanerkenntnis erwarten, Menschen, die genau so unbeteiligt an den Verbrechen sind wie die Menschen anderer, unbeteiligter Nationen?
(...) Zu beanstanden ist deutlich und fordernd, dass Krieg und Verbrechen unter deutscher Herrschaft jungen Menschen nicht ausreichend und wenig nachhaltig vermittelt wird. Mit der „zweiten Schuld“ des Herrn Gauck kann niemand etwas anfangen, der die Vergangenheit nur unzulänglich kennt (...).
Nur weil ich Deutscher bin, lasse ich mir von niemandem die Verbrechen Nazi-Deutschlands an den Juden vorwerfen. Genauso, wie ich es verabscheue, dass Menschen jüdischen Glaubens diskriminiert werden, nur weil sie Juden sind. Ich berufe mich dabei auf das Grundgesetz Artikel 3, wonach niemand nach seiner Rasse, Abstammung Heimat und Herkunft benachteiligt werden darf.
Kommentator Rolf Seelheim und andere sehen das offenbar anders. Nur erreichen sie damit bei den Menschen, die aufgrund ihres Alters nichts mit dem Nazi-Terror zu tun haben konnten, das Gegenteil, was sie vorgeben wollen: Erinnerung, Verständnis, Mitgefühl, Aussöhnung. (...)
Tatsächlich ist die jetzt vom Herrn Bundespräsidenten gefundene „Formulierung“ (...) „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“ (...) herausfordernd. Wenn dieses Statement allseitige Anerkennung finden sollte, hätte es doch zur Folge, dass wir Deutschen uns ein Leben lang „wie geprügelte Hunde“ zu verhalten hätten. Einer derartigen „Identifizierung“ werden die Einwohner des heutigen Deutschland wohl ihre Zustimmung verweigern.
Um auf Dauer nachdrücklich und sachlich an die Grausamkeiten der Nationalsozialisten zu erinnern, hätten unsere Nachkriegsregierungen – wozu auch die gegenwärtige zählt – schon längst intensive Aufklärungsarbeiten in die Wege geleitet haben müssen (...). Nur so können die Bürgerinnen und Bürger sich Meinungen bilden, nur so kann man verhindern, dass, wie in der NWZ beklagt wird, die „Mehrheit den Holocaust vergessen will (...)“; nur so ist auf Dauer zu vermitteln, wovon die Überlebenden des Todeslagers jetzt noch berichten konnten.
81 Prozent der deutschen Bevölkerung wollen laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung das Thema Judenverfolgung „hinter sich lassen“. 58 Prozent wollen einen regelrechten Schlussstrich ziehen. Ich fühle mich den restlichen 19 Prozent zugehörig, die die Bilder und Worte (...) zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wieder fassungslos, wortlos, unter Tränen aufgenommen haben: Sechs Millionen Menschen, gequält und ermordet in eigens dazu gebauten Vernichtungslagern, zielgerichtet geplant und systematisch durchgeführt. Es ist erst 70 Jahre her!
Wir wissen um Holocaustleugner, um Neofaschisten und auch um Menschen, die ganz versteckt noch die Erblast einer Elterngeneration aus dem Dritten Reich tragen. Aber da 81 Prozent der Befragten so denken, muss es noch andere Erklärungen geben.
(...) Wahrscheinlicher und weitaus prägender für den hohen prozentualen Anteil ist die Tatsache, dass Menschen in einer manipulierten Konsumgesellschaft schlichtweg andere Prioritäten setzen.
Das, was vor gar nicht langer Zeit in Deutschland passiert ist, können wir weder leugnen noch ignorieren. (...) Es wäre gut, an diesen Tagen darüber zu reden oder – wenn Worte fehlen – zu schweigen und die Herzen zu öffnen und Trauer zuzulassen.
Gefühle verbinden und verändern die Welt!
Es ist wichtig, an die Verfolgung und die Tötung der Juden und Sinti und Roma, Homosexuellen und Systemkritiker zu erinnern!
(...) Bewusst werden lassen, was Menschen in Fanatismus anrichten, stellt nicht die Frage nach Schuld. Der größte Teil der deutschen Bevölkerung ist in der Diktatur entweder Kind gewesen, gehört späteren Generationen an oder ist „nicht von hier“. (...)
Meines Erachtens sind wahre Toleranz, Akzeptanz, Freiheit und Gleichberechtigung erst dann gegeben, wenn ich die Handlungen eines Menschen unabhängig von seiner Religion, Hautfarbe, Herkunft, Behinderung und seinem Geschlecht kritisieren darf, ohne dafür als feindlich diskreditiert zu werden.
