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Leben: Frieder Nake: Uni als Happening

08.01.2022

Bremen Sein 100. Semester beginnt im April. Der Informatikprofessor Frieder Nake hat die spannenden Anfangsjahre der Uni Bremen miterlebt und macht aus seinen Seminaren gern mal ein Happening.

„Meine Lehre war schon immer etwas lockerer“, schmunzelt der 82-Jährige, der 1972 eine Professur für Grafische Datenverarbeitung und interaktive Systeme an der Universität Bremen annahm. Einen Aktenkoffer mit Fachliteratur oder Powerpoint-Folien mit Formeln sucht man bei ihm vergeblich. „Ich erzähle meinen Studierenden lieber etwas. So vermittle ich das Fachwissen eher nebenbei und immer anhand einer relevanten Fragestellung“, erklärt Nake.

Mit diesem Ansatz folgt er einem der Gründungsgedanken der Universität Bremen. An der Weser sollte Anfang der 1970er Jahre Forschung und Lehre stets gesellschaftlich relevant sein. Für Nake bedeutete das: In seinem ersten Seminar saß er mit fünf Studierenden im Kreis und tauschte sich über die Chancen und Grenzen von Computern aus – am konkreten Beispiel der Arbeitsvermittlung.

Rückkehr aus Kanada

Dass an der neuen Uni Bremen so vieles so anders laufen sollte, war der Grund, warum der gebürtige Stuttgarter 1972 überhaupt aus Kanada nach Deutschland zurückkam. „Ich war einige Jahre zuvor ausgewandert, weil mir das deutsche Hochschulwesen viel zu verknöchert war“, sagt der Wissenschaftler. „Nun an dieser radikal anderen Uni Professor zu werden, war für mich auch eine politische Aufgabe“, sagt Nake.

Inwiefern? „Seit meinem 16. Lebensjahr fühle ich mich der radikalen Linken zugehörig,“ stellt Nake klar. Er war Mitglied in kommunistischen Vereinigungen, hatte in den 70er Jahren im Rahmen des sogenannten Radikalenerlasses ein Disziplinarverfahren zu überstehen.

An seinen politischen Überzeugungen hält er fest – obwohl sich mittlerweile vieles an der Uni Bremen geändert hat. So prägen der Marxismus und ein stetiger Aufruf zum dialektischen Denken seine Lehre. „Wir sollten immer das Gegenteil mitdenken – das habe ich schon meinen Kindern beigebracht und lege es auch jedem meiner Studierenden nahe.“

Auf die Frage, ob er sich sicher sei, dass er wirklich Informatik lehre, reagiert er mit einem Lachen. „Der Blick über den Tellerrand gehört mit dazu. Lehre muss Stellung beziehen aufgrund von Fachwissen“, sagt er.

Aktuelles Beispiel: In diesem Wintersemester bietet er ein Seminar mit dem Titel „Algorithmic Thinking“ an. 70 Studierende nehmen teil und er wusste schon Wochen vorher, wie er die Veranstaltung beginnen wird: Reinkommen, hinsetzen und nichts sagen. Für volle zehn Minuten. Wenn jemand tuschelt oder mit dem Stuhl scharrt: ignorieren. Nach zehn Minuten aufstehen und fragen: Was habt ihr gerade gedacht? „So erfahren die Studierenden, was es bedeutet, aufs Denken zurückgeworfen zu werden“, erläutert Nake. Uni als Happening. So mag er es am liebsten.

Künstler am Computer

Was viele an der Uni nicht wissen: Frieder Nake ist ein renommierter Vertreter der Computerkunst. Das ist Kunst, die digital mit dem Rechner erzeugt wird. Mitte der 1960er Jahre war er einer von nur drei Künstlern weltweit, die sich mit dieser Art von Kunst beschäftigt haben. Innerhalb kürzester Zeit machte er sich international einen Namen.

Bis heute stellt er seine Bilder und interaktiven Installationen regelmäßig aus, das nächste Mal im Februar im Bremer Gerhard-Marcks-Haus. „Ich erstelle Projektionen auf möglichst großen Bildschirmen, die sich fortlaufend und ohne Wiederholung ändern“, erläutert Nake.

Offiziell ist er mit seinen 82 Jahren natürlich pensioniert, darf aber als Professor lebenslang weiterlehren. „Vielleicht ist das Sommersemester 2022 tatsächlich mein letztes“, kündigt er mit ungewohnt zaghafter Stimme an. Langweilig wird ihm allerdings nicht werden: „Dann werde ich künstlerisch programmieren – und zwar bis es kracht!“

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