Ehre, wem Ehre gebührt, aber wem gebührt heutzutage Ehre? Den Finanzbeamten, der ein maschinell erstelltes Schreiben geschickt hat, den finde ich nicht ehrenwert. Der will viel Geld von mir, das ist tadelnswert. Absender von amtlichen Bescheiden gelten jedoch als ehrbare Menschen in dem Moment, wo man ihnen schriftlich widerspricht. „Sehr geehrter Herr (oder Frau) . . .“, so beginnen die Protestschreiben. Geehrt können sich auch notorisch säumige Schuldner fühlen, denn spätestens ab der dritten Mahnung werden diese Schluris höchst korrekt angeredet. Erst ehren, dann bedrohen, so sind diese fordernden Texte aufgebaut.
Wie Personen herausragenden Standes anzuschreiben sind, das regeln zahlreiche Ratgeber. Mit einem „Sehr geehrter Herr Papst“ schindet niemand Eindruck im Vatikan. Bischöfe haben ihre eigenen Konventionen, Bischöfinnen auch. Kardinälinnen oder Päpstinnen sind in diesem Zusammenhang nicht zu finden, aber das hat außersprachliche Ursachen.
Fürsten, vom schlichten Baron bis zum Kaiser, mögen zwar geehrt sein, aber nicht so angesprochen werden. „Sehr geehrter Kaiser Wilhelm II“, das ging nicht, „Sehr geehrte Gräfin Penunse -Harpering“ mag von Demokraten als korrekt empfunden werden, ist es aber nicht.
In Schreiben an Rektoren oder Dekane deutscher Universitäten dürften ehrende Titulierungen wie „Eure Magnifizenz“ oder „Ew. Spektabilität“ zugunsten ziviler Anreden heute weitgehend entfallen. Doch zivil, das ist leichter formuliert als geschrieben. Der „Sehr geehrte Herr Rektor“ auf einer Anrede-Stufe mit Geldeintreibern oder Zahlungsverweigerern? Die ehrende Formel ist am Aussterben, zurecht.
„Guten Tag, Frau (oder Herr) . . .“, das ist nicht mehr ungewöhnlich, aber einfallslos.
Sprachmächtig ist gegenwärtig ein einleitend geschmettertes „Hallo!“. Aber alle Variationen zwischen „Hallo, Peter“ und „Hallo, Herr Papst“ machen diese modische Kurzformel nicht attraktiv.
„Liebe . . .“, das ist nicht im Trend, geht auch nicht in allen Fällen. „Lieber Mieter, Sie haben wiederholt grobe Verstöße gegen . . .“ Nicht gut. Aber, liebe Petra, lieber Herr Müller, Direktor, Minister oder gar Papst, warum nicht diese freundliche Anrede wiederbeleben? Sie ist außer Mode gekommen, doch nicht schlechter als falsche Ehre oder wertloses Hallo.
