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NWZonline.de Nachrichten Panorama Lifestyle & Mode

Gesellschaft: Protest gegen alles Adrette wirkt bis heute nach

02.06.2018

Hamburg Eine der spektakulärsten Mode-Storys der 68er entpuppte sich später als Legende. Die berühmte Büstenhalterverbrennung als Protest gegen das gängige Frauenbild in Atlantic City 1968 hat es so nie gegeben. Wohl aber warfen damals Hunderte von Feministinnen während einer Miss-America-Wahl Kleidung in eine große Mülltonne. Stilettos, der Miedergürtel für eine schlanke Taille und eben BHs waren aus ihrer Sicht Symbole weiblicher Unterdrückung. Diese Aktion kann – auch ohne Feuer – als Schlüsselszene der Mode­revolution der 1968er stehen: Alles, was einengte, musste weg.

Bei den Frauen eignete sich kaum ein Kleidungsstück zur Entsorgung so gut wie der BH. Schließlich war er das Überbleibsel des Korsetts, dem Einzwänger par excellence. Zudem verwies die nackte Brust auf eine Befreiung der weiblichen Sexualität. Mit dem BH flogen Kostüme und Krawatten, Oberhemden und Hosenträger in den Müll.

„Es waren nicht mehr so sehr der Minirock oder die strengen Kurzhaarschnitte. Es gab stattdessen eine umfassende Romantik.“ sagt Elke Giese, Modejournalistin und langjährige Ressortleiterin beim Deutschen Mode-Institut.

Weite Kleider, Rüschenblusen, Schlaghosen, Lottermäntel, zerfetzte Felljacken und Ethno-Schmuck gehörten zum Kleidercode der Hippie-Bewegung. Eigenhändig gefärbte Blusen und Hemden liefen der Laufstegmode den Rang ab. Und dazu trugen Frauen wie Männer die Haare lang und offen. Alles sollte ungehemmt sprießen, auch die Bärte.

„Lange Haare waren das Protestzeichen schlechthin“, sagt Giese, die damals 18 Jahre alt war und in Ost-Berlin lebte. „Man trug lange Locken oder glatte Schnittlauchhaare. Dazu ging man barfuß und trug lange, oft selbstgeschneiderte Röcke.“ Dazu kam der Wunsch nach einer unverkrampften Beziehung zum eigenen Körper und seiner Sexualität. Der Star-Designer Yves Saint Laurent entwarf damals für die Haute Couture durchsichtige schwarze Blusen, die ohne Unterwäsche getragen wurden.

„Der Hauptantrieb war natürlich Protest“, erklärt die Mode-Expertin. „Man konnte die Eltern wahnsinnig mit dem ärgern, was man anzog.“ Es gab eine umfassende politische Bewegung, die eine freie und friedliche Gesellschaft jenseits der Nazi-Vergangenheit schaffen wollte und Blumenmuster sowie Nacktheit zum politischen Symbol erhob.

Die größte Provokation dabei lag im Aushebeln des Bildes von Sauberkeit und Ordnung. Im Straßenbild tauchten Typen auf, die von der älteren Generation oft nur als Gammler bezeichnet wurden: Lange und strähnige Haare gehörten dazu genauso wie abgeranzte Parkas, schluffige Pullover und zerrissene Jeans. Perfekt verkörpert wurde der Hippie-Look vom Traumpaar der 1968er – Uschi Obermaier und Rainer Langhans.

„Man wollte gegen das Propere, Saubere, Anständige protestieren“, analysiert Giese. Die Folgen reichen bis heute: Verbindliche Moderegeln haben die 68er zum großen Teil abgeschafft, selbst wenn Anzüge und Kostüme, Krawatten oder BHs längst wieder von vielen wie selbstverständlich angezogen werden. Vor allem in der Freizeit-Mode gibt es kaum noch irgendein Muss. „Geblieben ist eigentlich die Erfahrung, wie bequem es sich ohne Mode lebt“, sagt Giese.

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