HAMBURG - Spätestens, wenn etwas bei H&M oder New Yorker hängt, ist es modisch wieder da. Und dann dauert es nicht lange, bis man es überall sieht. Das gilt auch für das Palästinensertuch. Längst ist es zum normalen Accessoire geworden. Wer es sich um den Hals schlingt, muss allerdings immer noch damit rechnen, dafür angemacht zu werden. Schließlich hat es eine bewegte Geschichte hinter sich.
Sie beginnt in Palästina: Das Baumwolltuch wurde dort ursprünglich von der bäuerlichen Bevölkerung als Schutz vor Staub oder Hitze getragen, erklärt Schirin Fathi vom Asien-Afrika-Institut in Hamburg. In den 1920er Jahren begann der Kampf der Palästinenser gegen die jüdische Zuwanderung. Die Kämpfer banden sich das schwarz-weiße Tuch vors Gesicht. Populär machte es vor allem Yassir Arafat, Gründer der Bewegung zur Befreiung Palästinas (Fatah) und später Palästinenser-Präsident.
Nach Deutschland kam das Tuch über linke Studenten nach dem Sechs-Tage-Krieg, in dem Israel palästinensische Gebiete besetzte. Man sah in den Palästinensern damals nur noch die Opfer, die den Krieg verloren hatten, erklärt Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung.
„2000 hat man es dann plötzlich auf einer rechten Demo in Berlin gesehen“, sagt Rucht. Rechte begannen, sich das Symbol der Linken anzueignen. Das hat vor allem zwei Gründe: „Die Rechte schmückt sich gern mit revolutionären Symbolen. Deshalb sieht man da auch Che-Guevara-Zeichen.“ Außerdem habe das Tuch als Zeichen des palästinensischen Widerstands auch eine antijüdische Bedeutung, „das ist den Rechten natürlich willkommen“. Bauernkleidung, Zeichen der Linken, Symbol für den Judenhass der Rechten – das Palästinensertuch ist bedeutungsschwer.
Und doch hing es plötzlich am Hals von Johnny Depp und an den Kleiderständern von Zara. „Das Palästinensertuch hat seine politische Eindeutigkeit verloren“, sagt Rucht. „Aber es kann schon passieren, dass man auf dem Schulhof von Leuten darauf angesprochen wird, die fragen: „Was soll das?“.
