Berlin - Laut, schnell, ständig im Umbruch: Berlin ist ein raues Pflaster. Das Wesen der Stadt spiegelt sich auch in der Mode. Wer Berlin mit anderen Städten vergleicht, stellt fest: Die Hauptstädterin kleidet sich anders als Frauen in Hamburg oder München. Das Leben in Berlin kreiert einen eigenen Stil.

„In Berlin kann man in der Mode machen, was man will“, sagt die Designerin Leyla Piedayesh. Sie führt das Label Lala Berlin. Was in anderen Städten ein Tabu ist, stellt in Berlin kein Problem dar: mit Turnschuhen in die Oper, in Jogginghose shoppen, Motorradstiefel zum Abendkleid. Was Farben und Schnitte angeht, wird wild kombiniert.

Dabei ist zwar alles erlaubt, aber nicht alles egal. Trotz fehlender Konventionen versteht sich die Berlinerin als Avantgarde und ist auf der Suche nach ausgefallener Eleganz. Ein Drahtseilakt, der nicht immer glückt. Der Stil polarisiert: „Ich sehe nie jemanden, der in Berlin halbwegs gut angezogen ist“, findet Prof. Barbara Vinken, Modetheoretikerin aus München. „Meiner Ansicht nach ist der Berliner Stil rundum verheerend.“

Ein weiteres Merkmal: Die Münchenerin mag ihr Geld in Handtaschen von Louis Vuitton und Versace-Jeans investieren. Die Berlinerin lassen etablierte Luxusmarken kalt. Ihr Grundsatz ist: No Logo! „Bekannte Labels tragen Berliner Frauen häufig nicht, es sei denn, sie finden diese Secondhand“, sagt Modefotograf Ashkan Sahihi.

In erster Linie trägt die Berlinerin praktisch. Wer in der Hauptstadt unterwegs ist, weiß: Die Strecken sind lang und die Straßen kaputt. Das spiegelt sich in den Schuhen der Berliner Frau wider: Mit Pfennigabsätzen geht die Berlinerin kaum aus dem Haus. Dafür liebt sie Sneaker, mit denen sie stundenlang unterwegs sein kann. Und überhaupt muss die Mode unkompliziert und praktisch sein.

Fehlt Berlin als Bezugsrahmen, wirkt das Unkonventionelle schnell deplatziert – so sieht es Barbara Vinken. Der Verzicht auf Regeln und die totale Freiheit seien in der Mode ein schwieriges Konzept. Denn es gilt: Nur wer die Regeln der Mode verstanden hat, könne sie auch brechen – und die Berlinerin kenne die Regeln nicht. Doch vielleicht will sie diese gar nicht kennen?

Letztlich gebe es den einen Berliner Stil wohl ohnehin nicht, sagt Designerin Piedayesh. Wie eine Frau sich kleidet, hängt immer auch vom Alter, vom Beruf und vom Milieu ab. Aber es gibt ein Versprechen: „Das ist die Freiheit zu sein, wer du bist.“