Norderney - Schmunzelnd erinnert sich Diakon Markus Fuhrmann an die erste Begegnung mit Karl-Heinz: Ein paar Wochen, nachdem die Fuhrmanns mit ihren Kindern ins katholische Pfarrhaus eingezogen waren, klopfte es an der Tür. Der protestantische Insulaner „wollte doch mal sehen, wer diese neue Pfarrersfamilie ist“ – und ob das jetzt auch bei den Katholischen ginge, das mit dem Heiraten und den Kindern. „Das war seine trockene Art, sich vorzustellen“, sagt Fuhrmann und lacht.
Sieben Jahre ist das her. Jahre, in denen er und seine Frau Siri die katholische Seelsorge auf Norderney geprägt haben – als Begleiter der Urlauber und als Ansprechpartner für die Menschen, die auf der Insel leben und arbeiten. Siri Fuhrmann ist als Caritas-Seelsorgerin in die Eltern-Kind-Kuren eingebunden, Markus Seelsorger der Pfarrei. Gehen die Fuhrmanns durch die Straßen des Kurortes, werden sie mit „Hei“ gegrüßt – dem Gruß der Einheimischen untereinander. „Angekommen“ nennt man das wohl.
Hektik des Alltags
Gäste der Insel haben häufig nicht nur Sonnencreme und Windjacke im Gepäck. Sie bringen auch ihre Fragen und die Hektik des Alltags mit. „Erholung muss her“, wissen die Fuhrmanns. Deshalb ist beiden das Da-Sein wichtig: Sie wollen Ruhepole bieten. Die offene Kirche Sankt Ludgerus mit ihrem hell gestalteten Innenraum mitten in der Fußgängerzone ist so ein Ort.
Angebote zur Stille, Impulse aus der Natur und Gesprächsbereitschaft stehen im Vordergrund des wöchentlichen Kirchenplans. Normalerweise. Zurzeit sind neue Wege gefragt – und die führen oft nach draußen. Eine frische Brise weht über die Wiese vor der Caritas Inseloase. Kaninchen hoppeln über das Feld, als der Diakon mit fünf Teilnehmern einen improvisierten Klappstuhlkreis auf dem holprigen Grün bildet. Die Interessierten sind zu einer christlichen Meditation unter der dichten Wolkendecke eingeladen. Eine gute halbe Stunde auf sich selbst und die innere Stimme hören, während der Wind vom Kurhaus die Klänge eines Konzerts herüberweht.
Ruhe finden
„Die Kunst, Ruhe zu finden“ war im Jahr 2017 der Titel einer Aktion der Touristenseelsorger. Eine kleine Broschüre ist bis heute ein Ankerpunkt in der Arbeit des Ehepaares. Ruhe und Natur: Wer will, findet auf der Insel beides im Überfluss – und die Fuhrmanns betätigen sich dabei gern als Reisebegleiter.
Viel Zeit nehmen
Seit Anfang Juli finden dreistündige Wanderungen durch die Weite der Dünen statt. Zwei Frauen begleiten Siri Fuhrmann diesmal bei dieser „Wüstenzeit“. Psalmen und Gebete geben dem Spaziergang seinen Rhythmus. Für die 35-jährige Clarissa sind Bibelverse nicht essenziell wichtig, wie sie sagt, dennoch hat sie aufgetankt. „Die Wüstenzeit war besser, als ich erwartet hatte. Wir haben uns für alles so viel Zeit genommen.“
Impulse, Weite und Freiraum zeigen nach den Schritten im Sand ihre Wirkung: „Ich merke, wie ruhig ich innerlich geworden bin. Das war viel mehr als nur ein Natur-Erlebnis, das hat mir einfach gutgetan.“ Dass die Gruppe an diesem Tag nur aus drei Frauen bestand, empfand Clarissa als sehr angenehm, denn bisher hatte sie die Insel meist als überfüllt wahrgenommen.
Lebendiger Touristenort
Die Auswirkungen der Kirchenkrise machen auch vor Inseln nicht halt. Und doch spüren die Seelsorger die Sehnsucht der Besucher – gerade im Urlaub. An so einem lebendigen Touristenort komme man mit konventionellen Mustern nicht weiter, sagen beide.
Einfach mal mit einer neutralen Person reden, das sei Wunsch vieler Touristen, die auf die Fuhrmanns zugehen. Deshalb hat die Kirchengemeinde für diese Saison erstmals zwei Strandkörbe angemietet. Täglich ist ein Seelsorger am Strand zu finden.
