BERLIN - Für Elke Heidenreich war die langjährige Micky- Maus-Chefredakteurin und Übersetzerin Erika Fuchs „die wichtigste Frau in meinem Leben“. Die frühere Kulturstaatsministerin Christina Weiss meinte in ihrem Nachruf auf die 2005 im hohen Alter von 98 Jahren gestorbene „Donaldistin“: „In einem vermeintlich trivialen Medium war sie eine Geheimagentin des Guten, Wahren und Schönen.“
„Grübel, grübel“
Manche meinen sogar, Fuchs habe womöglich mehr für die deutsche Sprachkultur als so mancher Schriftsteller oder auch hochdekoriertes PEN-Mitglied getan. „Man kann gar nicht gebildet genug sein, um Comics zu übersetzen“, sagte Fuchs über ihre Arbeit mit den kurzen Sprechblasentexten, zu der die promovierte Kunstwissenschaftlerin bald nach dem Krieg eher zufällig kam und Jahrzehnte dabei blieb.
Dieser „Geheimagentin“ in den deutschen Kinderstuben der Nachkriegszeit mit Wortschöpfungen der deutschen Sprache wie „seufz“, „kreisch“ und „grübel, grübel“, die längst zum Wortschatz vieler „erwachsen gewordener“ Intellektueller der Republik gehören, hat der Münchner Autor Ernst Horst ein Werk gewidmet, das zum künftigen Standardwerk der Donaldisten in Deutschland gehören könnte.
Horst hat seinem Buch den Titel „Nur keine Sentimentalitäten!“ gegeben, ein Lieblingsspruch von Onkel Donald Duck. Der Autor schildert nicht nur seine persönliche Prägung durch die Lektüre der Micky-Maus-Hefte seit den 50er Jahren, sondern geht mit Akribie allen Einzelheiten und Facetten der Welt von Entenhausen nach und ihrer Übertragung ins deutsche „Irgendwo“ mit den einfallsreichen Übersetzungen der Sprechblasen von Donald, seinen Neffen Tick, Trick und Track, dem schwerreichen Dagobert, den Panzerknackern („Harr, harr!“), Gustav Gans, Goofy oder dem Erfinder Daniel Düsentrieb („Dem Ingenör ist nichts zu schwör“).
Zitate aus „Wallenstein“
Aufgewachsen in Hinterpommern, studierte die Tochter aus gutem Hause in Lausanne, München und London. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Ehefrau eines Heizungsfabrikanten und zweifache Mutter ihre Tätigkeit als Übersetzerin und bekam irgendwann vom deutschen Ehapa-Verlag das erste amerikanische Micky-Maus-Heft zur Übertragung in die Hand. „Ich sagte spontan, das geht nicht in Deutschland“, erinnerte sich Erika Fuchs später. Erst allmählich packte sie das Vergnügen an der sprachlichen Tüftelei mit den kurzen Blasentexten.
So lernen wir in dem neuen Buch auch die Herkunft vieler Wortschöpfungen zum Beispiel aus dem Oberfränkischen oder aus Berlin, wo Fuchs länger lebte, wie „eingeschnittene Klöß“, „überkandidelt“ oder „blümerant“. Der Angeber Gustav Gans wird von Onkel Donald „Lackaffe“ und „eitler Fatzke“ genannt.
Fuchs zog alle Register der Umgangssprache von Klassiker-Zitaten bis zum Teenager-Slang. Nicht zu vergessen die philosophischen Anmerkungen oder Zitate aus der deutschen Klassik von Schiller bis Goethe, die die studierte Kunstwissenschaftlerin immer wieder einstreute, dabei hat sie aus den Shakespeare-Zitaten (im Original) gerne Schiller gemacht und Donald sogar aus dem „Wallenstein“ zitieren lassen („Spät kommt ihr, doch ihr kommt!“).
Vor allem aber gibt der Autor einen detailreichen Einblick in die Schreibwerkstatt von Erika Fuchs. Vieles dürfte selbst eingefleischten Micky-Maus-Lesern bisher unbekannt sein. Wirklich ein kleines Standardwerk für alle Comic-Freunde.
