BERLIN - Geboren wurde der muslimische Araber Sayed Kashua 1975 in Israel. Aus der örtlichen arabischsprachigen Schule wechselte er nach einem besonderen Auswahlverfahren auf das hebräischsprachige staatliche Elite-Internat für Hochbegabte in Jerusalem, wo er das Abitur machte. Nach dem Studium der Soziologie und Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem begann Kashua seine Karriere als Journalist bei bedeutenden Zeitungen und später auch als Verantwortlicher für die Serie „Awoda Arawit“ (arabische Arbeit), einer scharfsinnigen Satire in Hebräisch und Arabisch im Zweiten Fernsehkanal, deren Drehbücher er schreibt.
Sein drittes Buch „Zweite Person Singular“ hat Kashua nun in der Spitzengruppe der außergewöhnlich zahlreichen und in viele Sprachen übersetzten israelischen Schriftsteller verankert. In gelungener Verdichtung und Vielschichtigkeit schildert er den Alltag und die Probleme zweier arabischer Bürger Israels. Der eine fühlt sich aufgeklärt und fällt dennoch in die Reflexe eines engen Ehrgefühls und Rachlust zurück, um dann wieder den Weg in den Alltag zu finden. Der andere sucht den Weg in die israelische Mehrheitsgesellschaft und entwickelt eine eindrucksvolle Sensibilität für seine Mitmenschen und sieht Juden und arabische Bürger liebevoll-kritisch.
Ein spannendes, anrührendes Buch, das von Mirjam Pressler – ebenso wie die beiden vorangehenden Bücher Kashuas – hervorragend übersetzt wurde. Ihr gelingt es, nuanciert die Gefühlswelt eines Heranwachsenden so wiederzugeben, dass uns bei aller Fremdheit der Umgebung die Helden der Geschichte emotional nahe kommen. Mit ihren eigenen Werken für junge Menschen hat sie die Sensibilität und Sprachkompetenz gezeigt, die auch den Wert der deutschen Übersetzung ausmachen.
Dem Buch ist zu wünschen, dass es in möglichst viele Hände kommt, da es neben Kunstgenuss auch Mut zu Differenzierung und einfühlsamer Zurückhaltung vermittelt, an der es der deutschen Nahost-Diskussion meist fehlt.
