Oldenburg - Weite Reisen scheut Tanja Kinkel nicht. Sie kommt viel rum, vor allem literarisch. Vom Alten Rom, von mittelalterlichen Königshöfen oder der Mongolei handeln ihre Bücher. „Sie ist auf der ganzen Welt und in allen Zeitaltern zu Hause“, begrüßte Dr. Reinhard Tschapke, Leiter des NWZ-Kulturressorts, die Schriftstellerin als Gast der NWZ -Reihe „Begegnungen“. „Das ist die Freiheit der Autorin“, entgegnete die 46-Jährige, die am Donnerstagabend im ausverkauften Oldenburger PFL las.

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Thematisch ist die gebürtige Bambergerin, die in München lebt, in der jüngeren Vergangenheit angekommen. Genauer gesagt im „Deutschen Herbst“ 1977, als der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) die Republik erschütterte. „Ich kann mich noch gut an die Fahndungsfotos erinnern, die überall aushingen. Das hatte etwas von Wild West“, blickte die Bestsellerautorin zurück.

„Schlaf der Vernunft“ heißt ihr zeitgeschichtlicher Roman, der sich mit dem RAF-Terrorismus befasst. Dabei wird schnell deutlich, dass es Kinkel nicht primär um die Verbrechen der 1970er-Jahre geht. „Mein Fokus liegt auf den Angehörigen der Täter und Opfer. Mir war wichtig, dass die Familien der nicht prominenten Opfer Raum erhalten“, erläuterte sie.

Folgerichtig beginnt ihr Roman Ende der 1990er-Jahre, als die Terroristin Martina Müller, die an der Ermordung eines Staatssekretärs und seines Fahrers beteiligt war, begnadigt wird. Die überraschende Freilassung konfrontiert ihre Tochter Angelika mit der Vergangenheit. Von ihrer „Terroristen-Mutter“ war sie schließlich als kleines Mädchen verlassen worden.

„Terrorismus hat wieder traurige Aktualität erlangt“, sagte Tanja Kinkel, die hochkonzentriert las und davor warnte, zu schnell Parallelen zwischen gestern und heute zu ziehen. Dass die RAF, eigentlich längst Geschichte, durch Überfälle wie jüngst im Nordwesten wieder in die Schlagzeilen geriet, stufte sie wie die meisten Beobachter nicht als ideologischen Rückfall, sondern als Geldbeschaffung der in die Jahre gekommenen dritten Generation ein.

Doch eine Frage bewegt Kinkel besonders: „Wie radikalisiert sich ein junger Mensch?“ Romanfigur Martina Müller erinnert an die in Oldenburg geborene RAF-Mitgründerin Ulrike Meinhof (1934–1976). „Hätten Sie denn die Meinhof reingelassen, wenn sie an Ihrer Tür geklingelt hätte“, stellte Tschapke im Gespräch die Gewissensfrage der 1970er-Jahre.

„Ich käme nicht auf die Idee, Terroristen zu beherbergen, aber das ist mein heutiges Selbstverständnis“, antwortete Kinkel und verriet, welche Quellen sie für ihre umfassende Recherche anzapfte. Unter anderem den ehemaligen Bundesjustiz- und Außenminister sowie Namensvetter Klaus Kinkel (FDP), „mit dem ich übrigens nicht verwandt bin“.

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Auch ein mit ihrer Familie befreundeter Staatssekretär habe Rede und Antwort gestanden. „Ich habe mich dann bewusst für die Fiktion entschieden, um die Angehörigen der Opfer mit meinem Buch nicht ein weiteres Mal zu traumatisieren“, berichtete Kinkel.

Nur eines hatte Kinkel beim Schreiben offenbar nicht bedacht, scherzte Tschapke: „Dass Sie Ihren erschossenen Staatssekretär ausgerechnet Werder genannt haben. Aber das wird man Ihnen selbst im Bremer Umland verzeihen.“