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NWZonline.de Nachrichten Kultur Literatur

Buchkritik: Betrachtungen einer Welt im Stillstand

25.11.2020

Wenn die US-amerikanische Football-Profiliga NFL alljährlich im Endspiel, dem „Superbowl“, ihren Meister sucht, dann sitzt die Mehrheit der Amerikaner vor dem Bildschirm und lässt stundenlang die Mischung aus Werbung, Sport und Entertainment freudvoll über sich ergehen.

Diane Lucas und Max Stenner, zwei der fünf Protagonisten aus Don DeLillos schmalem Roman „Die Stille“, machen da keine Ausnahme. Gemeinsam mit dem ehe- maligen Studenten Martin Dekker sitzen sie in New York vor dem Fernseher und warten – auf den Beginn des Spiels und auf zwei weitere Gäste, die zu diesem Zeitpunkt noch im Flugzeug sitzen.

Das Problem: Kurz bevor es losgeht, wird der Bildschirm schwarz. Und auch Jim Kripps und Tessa Berens erleben im Flieger, der sie aus Paris nach New York bringen soll, diesen Blackout-Moment: Die Monitore fallen aus. „Das Flugzeug machte einen Satz seitwärts“, heißt es im Buch lapidar.

Unsanfte Landung

Wie sich herausstellen soll: Die ganze liebgewonnene Welt macht einen solchen. Immerhin: Die Landung, wenngleich unrund und mit allerlei Verletzten endend, gelingt, und Kripps und Berens können sich nach einem kurzen Abstecher ins Krankenhaus (inklusive Sex auf der Toilette) auf den Weg zu ihren Freunden machen. Was passiert hier? Das fragen sich die fünf Akteure in der Folge in höchst unterschiedlicher Ausprägung. DeLillo liefert keine einfache Erklärung für den Ausnahmezustand, lässt das Personal seines neuen Buchs vor sich hin philosophieren und bei dem Versuch, Antworten auf die großen Fragen zu finden, lustvoll scheitern.

Der Autor, der schon überaus dickleibige Wälzer wie „Unterwelt“ verfasst hat, besticht mit höchster sprachlicher Präzision, komponiert außergewöhnliche Dialoge, lässt den Leser bewusst im Unklaren und bietet ihm die Gelegenheit, sich seinen eigenen Reim auf das Geschehen zu machen.

Bildschirm bleibt dunkel

Eines wird im Verlauf der kurzen Geschichte deutlich: Das Problem hat eine große Tragweite, schließlich bleiben nicht nur TV-Bildschirme schwarz und kühlen Kühlschränke nicht mehr, sondern haben auch Mobiltelefone ihren Betrieb eingestellt. Der Mensch, ins Analoge zurückgeworfen, steht da ganz rasch vor größeren Problemen.

Martin Dekker hat es in dieser Hinsicht gut: Er kann, ohne Google bemühen zu müssen, mühelos Einstein rezitieren und sich so die Zeit vertreiben. Und während die anderen über greifbare Ursachen wie einen Stromausfall diskutieren, mutmaßt er: „Keiner will es den Dritten Weltkrieg nennen, aber genau das ist es.“

Große Worte, wenn man bedenkt, dass sie eigentlich nur ein Footballspiel schauen wollten.

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