Berlin - Theodor Fontane (1819–1898) mit einem Karabiner am Alexanderplatz? Welche Rolle hat der damalige Apotheker und angehende Schriftsteller („Effi Briest“) bei der Berliner Märzrevolution von 1848 wirklich gespielt? War er mehr der „feuilletonistische Beobachter“ oder stand er auf den Barrikaden zwischen Stadtschloss und Alexanderplatz?
Antworten darauf gibt die jetzt erschienene und wohl bisher am umfangreichsten kommentierte Neuausgabe seiner Erinnerungen „Von Zwanzig bis Dreißig“ über die Jahre von 1840 bis 1850 in der Fontane-Reihe der „Großen Brandenburger Ausgabe – Das autobiografische Werk“. Damit liegt der Text seit dem Erscheinungsjahr 1898 wieder in historischer Gestalt vor.
Im Mittelpunkt der „revolutionären Erinnerungen“ Fontanes steht der tragische 18. März 1848, als der Apotheker in unmittelbarer Nachbarschaft seines Geschäftes in der Stadtmitte Zeuge der dramatischen und historischen Volkserhebung wird. Als Fontane in der nahegelegenen Georgenkirche „Sturm läuten“ will, „war die Kirche zu – protestantische Kirchen sind immer zu“.
Beim Sturm auf das Königstädter Theater wurde auch der Fundus geplündert. Fontane fiel dabei ein Karabiner in die Hände, mit dem er auf die Barrikaden zulief, scheiterte aber schon beim Pulvereinfüllen am verrosteten Gewehr. „Kleinlaut zog ich mich von der Straße zurück und ging auf mein Zimmer“, wo Glassplitter um das Bett herumlagen. Denn: „Wenn die Gewehre erst losgehen, weiß man nie, wie die Kugeln fliegen.“ Auf der Straße gab es heftige Kämpfe mit vielen Opfern.
In den ausführlichen, allein über 330 Seiten umfassenden Stellenkommentaren der Neuausgabe (Bandbearbeiter Wolfgang Rasch, Herausgeber Gabriele Radecke und Heinrich Detering) heißt es, dass Fontane „seine“ Geschichte der Revolution im Wesentlichen aus der Perspektive des Scheiterns erzähle, „wobei sein persönliches Malheur am 18. März das Finale der gescheiterten Revolution neun Monate später vorwegzunehmen scheint...Von den wirklichen Gefühlen, Meinungen und Taten des jungen Fontane damals erfahren wir fast nichts“.
Widersprüchliches entdecken die Herausgeber zum Beispiel bei der Szene mit dem Karabiner. In seiner Autobiografie betone er ausschließlich die „Versagerfunktion der Waffe und ihres Trägers“. In einem Brief fast 50 Jahre später erhalte die Szene dagegen eine etwas andere Bedeutung: „Heute vor 47 Jahren feierte ich den Sieg der Revolution mit einem Karabiner in der Hand,...um damit für die Freiheit zu kämpfen“.
In der Familienzeitschrift „Daheim“ hieß es im November 1898, also bald nach dem Tod des Schriftstellers, Fontane sei keineswegs ein Aufrührer, sondern bestenfalls ein naiver Mitläufer gewesen. Er habe für Friedrich den Großen und seine Generäle geschwärmt, „allerdings auch für die Freiheit“, für diese jedoch „nur im allgemeinen“.
