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NWZonline.de Nachrichten Kultur Literatur

Dichterin aus dem Dunkel geholt

14.12.2018

Köln Annette von Droste-Hülshoff gehört nicht gerade zu den angesagten Autorinnen der Gegenwart. Und über sie und ihr Leben dürften die meisten Zeitgenossen wenig mehr wissen, als dass sie „Die Judenbuche“ geschrieben hat, am Bodensee gestorben ist und auf dem 20-Mark-Schein zu sehen war. Nichts davon wird in „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ erwähnt, dem neuen, ausgesprochen gelungenen Roman von Karen Duve.

Sie widmet sich den jungen Jahren der der heute fast vergessenen Schriftstellerin (1797–1848). Und es gelingt ihr eindrucksvoll, dabei ein Zeitporträt des Vormärz zu entwerfen und eines der Literaten dieser Epoche. Heinrich Straube gehört dazu, den manche für den nächsten Goethe hielten, der dann aber doch eine Fußnote der Literaturgeschichte blieb. Immerhin war er ein Bekannter von Heinrich Heine, der ihn zu schätzen wusste. Wilhelm, nur einer der vielen Brüder Grimm, die in Duves Roman ebenfalls eine wichtige Rolle spielen, hielt Straube dagegen für einen Dünnbrettbohrer.

Annette Droste-Hülshoff schätzte Grimm und liebte Straube. Und zumindest Letzteres war ein Problem, das Duve in allen Facetten beleuchtet. Die Eckpunkte der Welt der Dichterin in den Jahren ab 1817, auf die sich der Roman konzentriert, waren Brakel, Bellersen und Bökendorf, tiefste westfälische Provinz. Schon Göttingen, wo Straube und Heine studierten, war weit weg.

Für die junge Droste-Hülshoff, für die zärtliche Bande zu Männern außerhalb katholischer Adelsfamilien Tabu zu sein hatten, waren Beziehungen zu genialischen Nachwuchsautoren wie Straube ein Risiko. Und sie hat deswegen auch eine Menge Ärger bekommen. Genau darum geht es Karen Duve, die den Konflikt der jungen Frau mit der alten, konservativen Ständegesellschaft ihrer Umgebung, großartig und oft auch mit viel Sinn für Komik erzählt.

„Ursprünglich war es nicht das Interesse an der Droste selber, sondern an einer verwickelten Liebesgeschichte in ihrer Jugend“, erklärt die in Hamburg geborene Schriftstellerin („Regenroman“, „Taxi“), wie sie zu ihrem Romanstoff gekommen ist. „Ich fand es empörend und ungerecht, wie ihre Familie mit ihr umgegangen ist, und wie eine kleine Verfehlung, die einem heute völlig banal erscheint, so dramatische Auswirkungen haben und ganze Leben zerstören konnte.“

Es sollte gar keine große Sache werden. „So 120 Seiten hatte ich im Kopf“, sagt Duve. Aber dann hat es sie gepackt. „Ich bin in die Zeit völlig reingeschlüpft. Zwei Jahre habe ich nichts anderes gemacht und meinen Bekanntenkreis mit Anekdoten aus dem 19. Jahrhundert strapaziert.“ Das Literaturverzeichnis am Ende des Buchs ist so umfangreich wie das für eine Masterarbeit. „Über das frühe 19. Jahrhundert wusste ich wenig bis gar nichts, ich musste deswegen viel recherchieren, und war erst überrascht und dann begeistert, wie gut diese Zeit belegt war, wie viel ich über jede einzelne Person herausfinden konnte.“

Der Leser hat das Gefühl, tatsächlich in die Zeit von Heine, der Gebrüder Grimm und der jungen Droste-Hülshoff zurückgebeamt zu werden. Duve gelingt es, den richtigen Ton zu treffen. Natürlich bleibt ihr Buch ein Roman, aber er orientiert sich an den Fakten und erzählt quasi nebenbei auch die politische Ideengeschichte der Epoche, in der sich zwar vieles veränderte, junge Frauen, die dichten wollten, aber weiterhin belächelt wurden.

Droste-Hülshoff war für Duve anfangs nicht gerade eine Kultfigur. „Ich habe meine Meinung über sie stark revidiert“, sagt sie. „Manches, was mir vorher langweilig schien, empfinde ich inzwischen als geradezu sensationell.“ Und das lässt sich beim Lesen des Romans durchaus nachvollziehen.

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