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NWZonline.de Nachrichten Kultur Literatur

Krimis: Wendland auch als Tatort gut geeignet

29.05.2020

Lüneburg Gorleben und der Göhrdemörder. Das sind schlagzeilenträchtige Themen, wenn es um den Landkreis Lüchow-Dannenberg geht, das Wendland also. Immer wieder hat Gorleben als Standort eines möglichen Endlagers für hoch radioaktiven Müll im Fokus gestanden. Die legendären Transporte ins Zwischenlager führten zu teils schweren Konflikten zwischen Atomkraftgegnern und Polizei, doch der vorerst letzte Castor-Behälter rollte 2011 ins Wendland. Die Göhrdemorde liegen noch länger zurück – ein ehemaliger Friedhofsgärtner gilt als Verantwortlicher für die zwei Doppelmorde von 1989 in dem großen Waldgebiet östlich von Lüneburg.

Felder und lichte Kiefernwälder auf sanften Hügeln entlang der Elbe prägen das Bild, die X-förmigen Holzkreuze in Gelb haben die Atomkraftgegner aufgestellt. Der Name „Hannoversches Wendland“ für die Region mit nur rund 50 000 Einwohnern entstand vor etwa 300 Jahren, als Reste der wendischen Sprache erfasst wurden.

Außer dem Kartoffelsonntag in Dannenberg gibt es die Deutsche Fachwerkstraße, die Sommerlichen Musiktage in Hitzacker und die „Kulturelle Landpartie“: Künstler und Kunsthandwerker öffnen dann für zwölf Tage Höfe und Ateliers. Auch mit Musik, Theater und Kabarett zieht das Festival alljährlich Zehntausende Besucher an. Entstanden ist es 1989 aus der Widerstandsszene gegen die Atomenergie.

„Das Nebeneinander und manchmal Durcheinander von schrägen Typen und Aufsässigen und eher konservativer Dorfbevölkerung macht den Reiz aus“, sagt der 1947 in Gartow geborene Wolfgang Ehmke. Der 72-Jährige ist Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg und hat an entscheidender Stelle den Widerstand gegen Gorleben mitorganisiert.

Literarisches Alter Ego

Ehmke hat das Wendland im vergangenen Jahr zum Schauplatz eines Romans gemacht. „Der Kastor kommt“, heißt das Buch, ist aber laut Untertitel „Eine Beziehungsgeschichte“. Wie sein literarisches Alter Ego Robert ist Ehmke jahrelang als Lehrer nach Hamburg gependelt. Die nur etwa anderthalb Stunden entfernte Großstadt spielt eine tragende Rolle mit ihren Szenevierteln, Hochschulen und Galerien.

Ist Robert im Wendland, so steht vor allem der Castor-Transport von 2011 im Mittelpunkt. Die Atomkraftgegner haben dafür gesorgt, dass es der bislang längste und teuerste wurde. Und so geht es auch um die Auseinandersetzungen mit der Polizei. Nächtliche Aktionen auf Gleisen und Straßen werden aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert, der Freund der Nichte ist Polizist.

Das Ganze ergibt ein buntes Bild wie in einem Kaleidoskop, der Blick des in die Jahre gekommenen und ob vieler Wiederholungen und Unsicherheiten ermüdeten Helden auf dem direkten Weg zum Burnout. Ihm ist „die Frische abhandengekommen“, auch wenn er noch für eine Künstlerin in Hamburg schwärmen kann.

Verschiedene Typen

In „Der Kastor kommt“ machen vor allem die Menschen den Reiz des Landstrichs aus, das Treffen unterschiedlichster Charaktere in den Trebeler Bauernstuben und im Café Grenzbereiche etwa. „Jung & Alt, Uneinsichtige, Kurzsichtige & Weitsichtige, Müslis & Mollis“, schreibt Ehmke. „Klock zehn strömten alle in den Tanzsaal und es ging gleich los. Nicht wie in der Stadt, wo es uncool war, sich vor Mitternacht auf eine Tanzfläche zu wagen. Wo man sich unterkühlt ignorierte.“ Sonst Bauernhaus und Gemüsegarten statt leerer Gesichter im Großstadt-Trott. Auch Ehmkes Groteske „Tanz den SuperGau“ hat das Wendland und den Widerstand gegen den Atommüll zum Thema, am Ende der aktuellen Neuauflage werden Personen und Bezüge entschlüsselt.

Anders als Ehmke ist Journalist und Autor Rolf Dieckmann (73) aus Hamburg ins Wendland gekommen. Lange Zeit war er als Journalist beim „Stern“ in Hamburg. Er war auch Galerist und Filmproduzent, schrieb Drehbücher, Satiren und Politthriller. Ein altes Bauernhaus im kleinen Satemin ist Dieckmanns Rückzugsort.

Held seiner bislang zwei Wendland-Krimis ist Erik Corvin, benannt nach einem Dorf ganz in der Nähe. Wie sein Erfinder hat der eigenbrötlerische Oberkommissar lange im nahen Hamburg gelebt, kehrt dann aber in seine beschauliche Heimat zurück. In dem Anfang des Jahres erschienen „Kalthaus“ hat Corvin seinen Beruf als Polizist endgültig aufgegeben. Doch dann taucht ein Sack voll Geld auf, eine junge Frau ist verschwunden. Auch eine Entführung wird zum Thema, sogar ein abgehackter Finger kommt vor.

Details über die Wenden

„Die Bücher von Dieckmann sind die erfolgreichsten Krimis aus dem Wendland“, sagt Stefanie Thörmer von der Alten Jeetzel-Buchhandlung in Lüchow, ein eigener Verlag gehört auch dazu. Dort wird etwa „Parums Welt“ verlegt. „Der Roman von Heide Kowalzik malt ein farbenfrohes Bild vom Leben des unermüdlichen Chronisten Johann Parum Schultze, der Details über Leben und Sprache der Wenden überliefert hat“, wirbt Thörmer.

Auch in den beiden Krimis von Dieckmann geht es wie bei Ehmke um Künstler, Müslis und Gemüseanbau für Selbstversorger. Ganz wichtig ist wie bei Ehmke die Dorfkneipe als „Zentralorgan wendländischer Kommunikation“. Und so ist auch Corvins erster Auftritt „Es sind Wölfe im Wald“ von 2019 eine eher blutige Hommage an das Wendland und seine Bewohner.

Im Mittelpunkt des Krimis steht ein mörderischer Bogenschütze, seine Opfer verbindet ein düsteres Geheimnis. Doch auch da geht es um die Ruhe, die wunderbare Landschaft und die für die Region typischen Rundlingsdörfer, in denen die Bauernhäuser wie Tortenstücke um einen zentralen runden Dorfplatz stehen. Auch Dieckmanns Wohnort Satemin ist eines von ihnen.

Leben und leben lassen

„Ich habe noch nie so viele kreative Individualisten getroffen, alles nach dem Motto: leben und leben lassen“, sagt Dieckmann. „Andererseits sind sie zugewandt und hilfsbereit“, meint er, selbst ein eher ruhiger Beobachter mit kritischem Blick. Dazu komme die eindrucksvolle Landschaft. „Das ist Provinz, aber eine sehr schöne“, lässt Dieckmann Corvin über das Wendland sagen.

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