MüNCHEN/NARTUM - Tagebücher sind wohl die intimste literarische Gattung. Für Walter Kempowski (1929–2007), dessen Tagebuch des Jahres 1991 unter dem Titel „Somnia“ gleichsam als Ausgabe letzter Hand erschienen ist, waren sie eine von drei Säulen seines literarischen Schaffens.

Neben seinen Romanen wie „Tadellöser & Wolff“ und dem von ihm zu einem Archiv des kollektiven Bewusstseins entwickelten vielbändigen „Echolot“ stehen seine Tagebücher als eigene und zugleich persönlichste Gattung. Hielt er sich im „Echolot“ streng an das vorgefundene Material aus fremder Feder, dem er als Eigenes nur das Sammeln und Auswählen aus den überquellenden Kästen des Archivars vorbehielt, schöpft er in „Somnia“ aus seinem Innersten.

Kaschierte Thomas Mann etwa mit „Einkaufszetteln“ die postume Veröffentlichungsabsicht seiner Tagebücher, ist es bei Kempowski die geradezu vorsätzliche Missachtung von „political correctness“, die die Illusion des nur für sich Aufgeschriebenen vermitteln soll. Manchmal ist das irritierend, manchmal wohltuend, immer persönlich und zur späteren Irrtumsanfechtung freigegeben.

Der 1929 in Rostock geborene Kempowski erlebte den Zweiten Weltkrieg als Hitlerjunge und Flakhelfer. In der DDR verbüßte er zwölf Jahre einer 25-jährigen Zuchthausstrafe. Im Westen ließ er sich in Niedersachsen nieder und veranstaltete in seinem großen Haus in Nartum Literatur- und Werkstattseminare, über die wir viele Einzelheiten seinem Tagebuch entnehmen können.

Am 29. April, seinem 62. Geburtstag, trägt er ein: „TV-Gespräch mit Frau Armin in Bremen. 45 Minuten! Ich musste so nötig. Schließlich habe ich einfach gesagt, mitten ins Gespräch hinein: ,Entschuldigen Sie bitte . . .‘ Man soll eben vor einer TV-Sendung keinen Kaffee trinken. Mit Milch schon gar nicht.“

Bei der Vorbereitung zur Veröffentlichung 2007 merkte er dazu an: „Das habe Fernsehgeschichte gemacht. Man habe diese Stelle aufbewahrt, das hat sie mir erst neulich wieder erzählt.“

Am 5. Oktober 1991, genau 16 Jahre vor dem Todestag des Autors, notiert er: „Gestern Lesung in Ahlhorn (Großenkneten). Freundliches Publikum. Hildegard fuhr mich wegen unklarer Autobahnlage und dem Anflug einer Grippe, die mir an die Wäsche will . . . 1. Streichquartett Op. 7 von Béla Bartók. Graue Panther = Altenpartei. Wie heißen die Türken? Wann die wohl in den Bundestag einziehen?“

Natürlich ist der Leser gefordert. Der Verlag hat gut daran getan, nicht alles zu erklären, also die „Grauen Wölfe“ – faschistische türkische Organisation – nicht per Fussnote der sich dieser Tage gerade auflösenden Altenpartei gegenüberzustellen. Tagebücher vertragen kein Sachbuchlektorat. Allerdings: Wer versteht das noch in 50 Jahren?