Berlin - Die Journalistin Anja Goerz sieht sich im Epizentrum zwischen „Typisch Ossi“- und „Scheiß Wessi“-Welten. Und das auch 25 Jahre nach dem Mauerfall. Als Moderatorin beim Sender Radioeins des Rundfunks Berlin Brandenburg (rbb) erlebe sie, wie diese Mentalitäten bis heute aufeinanderprallten, schreibt die 46-Jährige in ihrem neuen Buch „Der Osten ist ein Gefühl“. Warum das so ist, versucht sie in mehr als zwei Dutzend Interviews mit Koch, Friseur, Mediziner, Ex-Polizist, Journalist und Kapitän zu erkunden.
Wer etwas über individuelle Befindlichkeiten von Deutschen aus dem Osten jenseits von Larmoyanz erfahren möchte, sollte das Buch aufschlagen. Es zeigt Ankommen und Fremdsein. Ziemlich schnörkellos werden völlig verschiedene Lebensläufe aufgeblättert. Die Ost-Herkunft prägt bis heute einen Teil der Gefühle, wird deutlich.
Da erinnert sich der Berliner Sternekoch Marco Müller an seine Koch-Lehre. „Die theoretische Ausbildung war im Osten 1a.“ In der ersten West-Zeit sei fehlende Warenkunde ein Problem gewesen. Die Salate Lollo Rosso und Frisee habe er nicht unterscheiden können. In der DDR sei keiner entlassen worden, weil er faul war. „Deshalb war es für viele schwer, als sie in den Westen kamen.“
Müller ärgert sich noch heute über das vergiftete Kompliment „Das hätte ich ja nicht gedacht, dass Du aus dem Osten kommst“. Mit Oberflächlichkeit komme er schwer klar. „Wir im Osten waren auf gewisse Weise ehrlicher.“
Ein Taxifahrer sagt rückblickend: „Hätte man gewusst, dass der Westen kommt, hätte man Abitur machen müssen.“ Er unterscheide nicht mehr zwischen Ost und West: „Das ist alles Deutschland für mich.“
Hingegen empfand ein Ex-Grenzsoldat das DDR-Ende als persönliche Niederlage. Ihm sei der Boden unter den Füßen weggezogen worden. „Vieles hatte keinen Bestand mehr.“ Er erlitt einen Zusammenbruch. Kollegen, die als Polizisten im wiedervereinigten Deutschland neu starteten, hätten sich Udo rufen lassen müssen (Unser dummer Ossi). Doch im Buch gibt es auch den Blick von West nach Ost. So erzählt eine Bankangestellte, wie sie einst das Begrüßungsgeld auszahlte.
In der DDR habe man als steinalt gegolten, wenn man erst mit 25 sein erstes Kind bekam, sagt eine Hebamme. „Für uns bedeutete ein Kind ja auch, dass man eine Wohnung bekam.“ Das Unkomplizierte vermisse sie bei heutigen Müttern.
„Wessifrauen brauchen schon fast eine Bedienungsanleitung für ihre Kinder.“ Ihr Rat: Auch mal etwas aus dem Bauch heraus entscheiden, Babys gelegentlich ruhig brüllen lassen.
Schauspieler Thomas Nicolai hat hingegen DDR-Willkür erlebt: Sein Vater durfte nicht zu seiner sterbenden Mutter nach Köln fahren – ohne Angabe von Gründen. Das Leben ohne Mauer habe er gleich genossen. Doch Freiheit sei auch eine unglaubliche Belastung. „Es ist anstrengend, sich immer entscheiden zu müssen.“
„Wir sind mit so einer Freude in diese Einheit gegangen, mit einem Gefühl von Reichtum. Wir haben ein System überstanden, und jetzt gehen wir in etwas Neues“, fasst Film-Kritiker Knut Elstermann und Kollege von Goerz damalige Hoffnungen zusammen.
