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NWZonline.de Nachrichten Kultur Literatur

Roman: Schön schräg – schön schwarz

12.03.2014

Zürich Es ist ein unmoralisches Angebot, das der frühere Bibliothekar Wolfram seiner Ex-Kollegin Karla macht: Wenn sie den Krebskranken bis zu seinem (natürlichen) Tod pflegt, erbt sie sein halbes Vermögen. Bringt sie den wohlhabenden Witwer vorher um, wenn er es wünscht, bekommt sie alles. Es dauert wirklich nicht lange, bis Ingrid Noll die Leser ihres neuen Romans „Hab und Gier“ ins Bild setzt, wobei die rasante Handlung im hübschen Kon­trast zu den eher ruhigen Reflexionen der Ich-Erzählerin Karla steht.

Wer sich auf einen schön schrägen Krimi der für ihren schwarzen Humor bekannten Autorin freut, wird nicht enttäuscht. Die 78-Jährige zieht alle Register, um den Leser mit eigenwilligen, ganz und gar nicht koscheren, aber immer wieder überraschenden Wendungen in ihrer Geschichte zu fesseln. Es geht also um Sterbebegleitung und -hilfe – im weitesten Sinne, denn natürlich bleibt es nicht bei diesem Plot.

Pflichtgemäß ist Frührentnerin Karla zunächst reichlich schockiert von dem Angebot, das ihr angenehme Jahre verheißt. Ihre moralischen Bedenken werden von Freundin Judith in Bahnen gelenkt, die ihr nicht geheuer sind. Auf jeden Fall aber will sie Wolfram helfen, kauft für ihn ein, wäscht seine Wäsche, kocht und putzt für ihn. Alles andere wird sich finden – mit Judiths Hilfe. Karla und die Jüngere ziehen schließlich zu Wolfram in die Villa.

Nach und nach kommen immer mehr Personen ins Spiel, eine skrupelloser als die andere. Alle hoffen, von Wolframs Hab und Gut zu profitieren – mit wachsender Gier. Nolls Buchtitel ist wirklich klug gewählt. Genauso wie die Konstellationen vom Anfang und vom Ende: Welches Testament soll Wolfram verfassen? Und: Wie soll Karlas Testament aussehen?

Es ist ein Buch mit bitterbösem Witz. Aber es behandelt auch ein aktuelles ernstes Thema. Soll Sterbehilfe legalisiert werden? Die Autorin selbst hat eine klare Haltung dazu: Ja, aber ohne Kommerzialisierung, unter bestimmten Umständen und abgesegnet von neutralen Instanzen, wie Noll in einem Interview mit Deutschlandradio sagte. Die Gesellschaft sei reif genug dafür.

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