Jever - Wenn ich mit meinen vierjährigen Zwillingen im Wohnzimmer einen Ball hin und her werfe, dann kommt sie wieder hoch – die Lust am Handballspiel. Noch vor der Coronakrise durfte ich bei der zweiten Mannschaft des Wilhelmshavener HV eine Trainingseinheit absolvieren. Trainer Matej Kozul hatte mich gefragt, ob ich aushelfen könne. Es war großartig, mal wieder im Tor zu stehen und sich die Kugeln um die Ohren werfen zu lassen. Nur wenige können den Spaß nachvollziehen, sich Bällen, die mitunter beim Wurf die Wucht von Mike Tysons Faustschlägen entwickeln, entgegenzustellen. Ich habe mich gefreut wie ein kleines Kind, obwohl ich schon nach dem Warmwerfen gepumpt habe wie ein Maikäfer. Irgendwo in den sieben Jahren nach dem Ende der Handballzeit muss meine Kondition auf der Strecke geblieben sein. Seit dem 6. April bin ich 45 Jahre alt.
Sportliche Anfänge im Gerätturnen
Als Kind habe ich dabei noch gar nicht Handball gespielt. Dazu bin ich erst sehr viel später gekommen. Meine Sportkarriere hat mit dem Turnen angefangen – Kinderturnen, logisch. Aber dann ging es weiter mit Gerätturnen. Bis zu meinem 13. Lebensjahr bin ich bei Bezirks- und Landesmeisterschaften angetreten. Ein etwas unglücklicher Abgang bei einem Überschlag beendete schlagartig meine „große“ turnerische Zukunft. Der Kopf wollte nicht mehr. Parallel dazu hatte ich immer schon Tennis gespielt, leidlich gut, eine Karriere nach dem Vorbild von Boris Becker zeichnete sich nicht einmal ansatzweise ab. Kollege Zufall half wie so häufig nach und gab meinem sportlichen Interesse eine gänzlich andere Richtung – bei einem Schulturnier. Von Handball hatte ich keine Ahnung. Auf dem Schulhof, beim Kicken mit dem größeren Leder, hatte ich aber immer im Tor gestanden. So entschied ich mich, einfach beim Klassenturnier mitzumachen. So großartig anders konnte das ja mit dem Handball nicht sein. Irgendwas muss ich tatsächlich richtig gemacht haben. Letztlich fragte mich der örtliche Handball-Jugendcoach, ob ich nicht mal zum Training der C-Junioren kommen wollte. Er habe den Eindruck, dass ich besser sei als sein aktueller Keeper. Als ich beim Training dann meinen ersten Tiefschutz in die Hand gedrückt bekam, dämmerte mir ein wenig, worauf ich mich eingelassen hatte. Aber es hat so verdammt viel Spaß gemacht. Ich blieb dem Handball treu und hatte Erfolg. Wohl auch, weil ich keinen typischen Handball-Torwartstil hatte. Es war irgendein selbstausgedachter Mix aus „in den Winkel fliegen“ und „todesmutig dem Ball entgegenstürzen“. Bei Torwartsichtungen der Verbände wurde ich stets übergangen. Meine unorthodoxen Bewegungen waren scheinbar in keinem Lehrbuch zu finden. Am Ende meiner Jugendzeit, die ich in der höchsten Jugendspielklasse absolvierte, erhielt ich die Einladung zum Probetraining beim damaligen Handball-Zweitligisten VTB/Altjührden.
Und hätte ich nur eine Spur mehr Ehrgeiz gezeigt, hätte es vielleicht sogar klappen können mit einer Karriere im Profihandball. So aber blieb es bei einigen Einheiten in der Manfred-Schmidt-Sporthalle. Meine Ausbildung erhielt den Vorzug.
Ich wechselte zum Sportstudium nach Göttingen und hängte das Torwarttrikot erst einmal an den Nagel. In der zweitniedrigsten Spielklasse begann ich im zweiten Semester fast ganz unten von neuem. Der Mannschaftssport, die dummen Sprüche in der Kabine – all das fehlte mir irgendwie doch.
Auf der Uni zurück zum Handball
Und wieder half Kollege Zufall kräftig mit. Wieder gab ein Turnier, diesmal beim Universitätssporttag, meiner Karriere im Handball neuen Schub. Ich spielte mit dem Coach einer Oberliga-Mannschaft in einem Mixed-Team. Nach dem Turnier lud er mich zum Probetraining ein. Ich überzeugte, wechselte aber erneut noch während der Saison zum HSV 05/MTV Rosdorf-Göttingen. Nicht immer führt eine Vereinsfusion zu einem klangvollen Namen. Der Club hatte gerade den Sprung in die Regionalliga, die damals dritthöchste Spielklasse, geschafft. Zwei Jahre lang blieb ich dort. Ich erinnere mich an tolle Spiele gegen ein aufstrebendes Team von der Küste. Beim Wilhelmshavener HV, der die Saison ungeschlagen beendete, standen junge, hoffnungsvolle Talente wie Adam Weiner oder Oliver Köhrmann im Kader.
Partien in Bernburg vor 1500 Zuschauern haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Und vielleicht hätte ich jetzt tatsächlich noch den Sprung ganz nach oben schaffen können, doch mit 1,78 Metern Körperlänge hatte ich leider nie das Gardemaß, das ein Keeper heutzutage im Profihandball braucht. Da konnte auch Kollege Zufall nicht mehr helfen.
Jetzt gebe ich den Spaß am Handball in meinem Wohnzimmer an eine jüngere Generation weiter und hoffe, dass sie auch Freude an diesem tollen Sport finden wird. Wenn nicht, ist das aber auch okay. Vielleicht lädt mich ja auch Matej Kozul noch einmal ein.
