Jever - Eigentlich hätten 18 Läufer vom Lauftreff Ge(h)zeiten Jever am vergangenen Sonntag morgens an der Startlinie des Hamburg Marathons gestanden. Einige von ihnen wären die kompletten 42,195 Kilometer gelaufen, andere den Halbmarathon und ein paar von ihnen wären als Staffel gestartet. Doch es kam alles anders als geplant.
Sechs Wochen vorher sagten die Veranstalter des Haspa Marathon Hamburgs die Großveranstaltung ab, zu groß die Ansteckungsgefahr bei mehreren 1000 Startern. Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits sechs intensive Trainingswochen hinter den friesischen Läufern. Einige, wie zum Beispiel Jennifer Rehberg oder Marco Hinrichs, hatten sich zum Ziel gesetzt, in unter vier Stunden die komplette Strecke zu absolvieren – bei ihnen wäre es nicht der erste Marathon gewesen. Sonja Wegener jedoch hätte in Hamburg eine Premiere auf den 42,195 Kilometern gefeiert. Doch es sollte nicht sein. „Die Absage kam für uns nicht so überraschend. Wer den Verlauf der Coronakrise verfolgt hat, konnte sich das schon denken“, erklärt Marco Hinrichs. Dennoch: Die Motivation den Marathonplan trotzdem durchzuziehen, war mit einem Schlag weg. „Als es offiziell war, dass die Veranstaltung am 19. April nicht stattfindet, habe ich direkt aufgehört, nach meinem Plan zu trainieren und die Einheiten runtergefahren. Wozu 30 oder 35 Kilometer durchziehen, wenn es eh in absehbarer Zeit keinen Lauf gibt. Jetzt laufe ich wieder wie ich lustig bin“, gibt Hinrichs zu. So ging es auch anderen aus dem Lauftreff.
Obwohl sich das Ziel für die Jeveraner verändert hat, bleibt die Lust und Motivation am Laufen. „Wir laufen jetzt zwar weniger, versuchen nur noch unsere Kilometer zu halten, aber wir haben immer noch Spaß dabei. Wir laufen ja nicht nur für die Wettkämpfe, sondern für uns. Wenn die Motivation bei einem mal etwas fehlt, ermuntern wir uns gegenseitig“, erklärt der Jeveraner. Momentan geht das zwar hauptsächlich virtuell für die Läufer des Lauftreffs Ge(h)zeiten, doch es funktioniert. So entwarf ein Freund von Hinrichs ihm am PC einen neuen Trainingsplan und schickte ihm diesen, damit er sich an etwas orientieren kann. „Sowas motiviert einen natürlich und hilft enorm“, sagt Hinrichs. Dass sich die Sportler nicht unterkriegen lassen, bewiesen sie doch noch am 19. April – zwar nicht in Hamburg, aber in Jever. Die Veranstalter des Haspa Marathons stellten es den Startern frei, unter dem Motto „runyourownblueline“ den Marathon virtuell zu laufen, mit der einheitlichen Startnummer 19420. Das ließen sich die Ge(h)zeiten-Läufer nicht zweimal sagen. Erst trafen sich fünf von ihnen morgens zu einem etwas anderen Gruppenfoto (siehe oben) , anschließend lief jeder für sich los – das solange, wie ihn die Beine trugen. Bei einigen stand ein Halbmarathon am Ende auf der Uhr, bei Sonja Wegener, die normalerweise ihren ersten Marathon gelaufen wäre, gute 40 Kilometer.
So unterschiedlich die Distanzen der einzelnen Läufer waren, eins war bei allen am Ende da: Die Zufriedenheit und der Stolz, gelaufen zu sein. „Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist bei solchen virtuellen Läufen schon klasse, auch wenn ein virtueller Lauf natürlich nicht zu vergleichen ist mit dem Original“, stellt Hinrichs klar. Er hofft, dass der Halbmarathon in Oldenburg im Oktober wieder stattfinden kann.
Bis dahin läuft Marco Hinrichs weiter und viele anderen tun es ihm gleich. Beim Blick in die Wälder und auf die Straßen in und um Jever fallen derzeit viele Menschen auf, die laufen und gefühlt werden es immer mehr. Das ist auch Hinrichs aufgefallen, der auf seinen Laufstrecken vielmehr gleichgesinnte sieht. Da die Fitnessstudios ebenso wie die Sportstätten der Vereine geschlossen haben, zieht es immer mehr Athleten auf die Straße oder in den Wald, um ein paar Kilometer zu sammeln und dabei für sich etwas Gutes zu tun. Es ist ein Sport, der einfach ist und den jeder für sich und ohne Hilfe von anderen ausüben kann. Und die Natur ist dabei wohl das gesündeste Fitnessstudio, das es derzeit gibt.
