Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

“meine Sportkarriere“ Wie Misserfolge eine Lehre sein können

Helmut Burlager

Jever - In der Knaben-Fußballmannschaft des SV Frisia Brinkum gab es Mitte der 1960er-Jahre zwei Loser. Der eine hieß „Kutscher“. In Wirklichkeit hieß er ganz anders, aber aus irgendeinem Grund hatte unser Trainer ihm diesen Spitznamen verpasst. Kutscher war, um es vorsichtig auszudrücken, nicht die hellste Kerze auf der Torte. Und ein Pechvogel obendrein. Auf dem Platz stellte er sich so ungeschickt an, dass er allenfalls fürs Tor getaugt hätte. Aber da stand ja schon ich.

Meine Fußballkarriere begann, wenn ich mich recht erinnere, mit sechs oder sieben. Unser Dorf in Ostfriesland hatte keine 500 Einwohner, aber einen erfolgreichen Sportverein mit einer tollen ersten Mannschaft, die es bis in die erste Kreisklasse geschafft hatte, und dem kompletten Unterbau von der A-Jugend bis zu den Knaben. Jeder Junge in Brinkum wollte Fußball spielen. Ich auch.

Gebrauchte, verwaschene Trikots bekamen wir vom Verein gestellt, Fußballschuhe mussten die Eltern besorgen. Meine ersten waren getragen, die hatte mein Cousin Dieter nicht mehr anziehen wollen. Schon nach dem ersten Spiel wusste ich weshalb.

Nach dem Spiel sah ich aus wie ein Fakir

Schraubstollen waren damals noch nicht verbreitet, stattdessen wurden die Stollen mit Drähten in der Sohle verankert, und die drückten bei den alten Tretern durch. Nach dem Spiel sah ich aus wie ein Fakir, der übers Nagelbrett gegangen war. Die Schuhe musste ich trotzdem weiter tragen. Ich versuchte es mit dickeren Wollsocken. Half nicht.

Mein Schuhwerk verbesserten sich mit der Zeit, mein Fußballtalent nicht. Wurden im Training Mannschaften gewählt, war ich immer der Vorletzte, der aufgerufen wurde. Es gab ja noch Kutscher. Mich schickte der Trainer bei der zweiten Mannschaft ins Tor.

Beim Sport lernt man was fürs Leben. Ich zum Beispiel habe mir vermutlich auf dem Fußballplatz die hohe Frusttoleranz angeeignet, die mich bis heute auszeichnet. Wer als Torhüter mit Ergebnissen von null zu neun oder null zu zwölf nach Hause fährt und nicht heult, wird im späteren Leben auch nicht viel jammern.

Als die Mädchen interessanter wurden als der Fußball, war’s mit dem Sport erst mal vorbei. Im Schulsport war ich eh eine Niete, dazu hatte Grundschullehrer Bartels beigetragen, der der Auffassung war, Kinder in meinem Alter müssten die Ellenbogen hinten aneinander bringen können. Und wenn nicht, dann eben mit Gewalt. Die Zerrung hielt drei Wochen, der Zorn ein Leben lang.

Mit Lehrer Wormeck aus Ostpreußen, den die meisten von uns in der fünften Klasse schon um Haupteslänge überragten, bekam uns an der weiterführenden Schule ein alter Militarist zu fassen, der uns in der nagelneuen Turnhalle der Friesenschule in Reih’und Glied antreten ließ und mit zackigen Befehlen auf Trab hielt.

Sein Nachfolger, dessen Name mir entfallen ist und der auch nicht mein Freund wurde, führte das Zirkeltraining ein. Ich wünschte mir den alten Wormeck zurück.

Eine nennenswerte, aber nur kurzfristige Zunahme erfuhr mein Sportinteresse, als ich nach der zehnten Klasse zwecks Einführung der Koedukation aufs Mädchengymnasium geschickt wurde und mich, einziger Junge in der Klasse, auf die Leibesübungen freute. Unglückseligerweise steckte man mich mit den übrigen Jungs der Schule in eine separate Sportstunde.

Der innere Schweinehundsiegte doch wieder

Blieb als sportliche Betätigung für viele Jahre noch das Sportschau-Gucken und der stets ängstliche Blick auf den Tabellenstand von Werder Bremen. Erst als die Pfunde gegen Ende des dritten Lebensjahrzehnts zu arg auf die Hüfte drückten, versuchte ich es wieder mit Bewegung, ging eine Weile mit der Laufgruppe des MTV Jever von Günther Dankwardt in den Wald. Aber der innere Schweinehund siegte doch bald wieder. Ein Hörsturz infolge beruflichen Stresses und der Ratschlag einer Kollegin brachten mich schließlich vor 25 Jahren aufs Rennrad, und das ist am Ende die Sportart geworden, die mich begeistert. Auf schmalem Rahmen und dünnen Rädern tief gebückt über glatte Straßen sausen, mal mit, mal gegen den Wind, mal bergauf und mal bergab, das macht Spaß in der knappen Freizeit und im sportlichen Urlaub.

Kutscher treibt keinen Sport mehr. Der ist jung gestorben. Was aus meinem Trainer und meinen Sportlehrern geworden ist, weiß ich nicht. Mich hält der Sport gesund, das hoffe ich jedenfalls. Neuerdings treibt mich meine Frau morgens aus dem Haus: in aller Herrgottsfrühe sechs Kilometer durchs Moorland. Wer hätte das gedacht?

Herr Wormeck aus Ostpreußen, der schon lange tot ist, würde sich jedenfalls wundern.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Podcast
Verlässt im Sommer den VfB: Marcel Appiah

NEUE FOLGE NORDWESTKURVE Warum der VfB Oldenburg seine Verjüngungskur vorantreibt

Lars Blancke Sarom Siebenhaar
Oldenburg
Haben das Demokratiefest am 11. Mai in Schortens aus Sicherheitsgründen abgesagt: die Veranstalter (von links) Detlef Kasig, Axel Homfeldt und Wolfgang Ottens.

SICHERHEITSGRÜNDE Veranstalter sagen Fest für Demokratie in Schortens ab

Jever
Da hofften sie noch auf ein buntes Familienfest (von links): die Initiatoren von „Rock durch die Mitte“ Detlef Kasig (SPD), Axel Homfeldt (CDU) und Wolfgang Ottens (Grüne).

DEMOKRATIE-FEST IN SCHORTENS ABGESAGT Initiatoren sehen Sicherheit am 11. Mai gefährdet

Jeversches Wochenblatt
Schortens
Mit der Legalisierung von Cannabis für Erwachsene wird auch Jugendlichen suggeriert, dass Kiffen in Ordnung ist.

DROGENKONSUM BEI JUGENDLICHEN Die Reifung von Hirn und Emotionen bleibt beim Kiffen auf der Strecke

Anja Biewald
Oldenburg
Die Baskets Oldenburg um Alen Pjanic (links) können in der Tabelle klettern. Vechta und Wes Iwundu fehlen noch ein Sieg im Playoff-Rennen.

BASKETBALL-BUNDESLIGA Das ist für Baskets Oldenburg und Rasta Vechta noch drin

Niklas Benter
Oldenburg