Oldorf - Die Sache mit dem Finger ärgert Elke Ortgies am meisten. „32 Jahre ist nichts passiert und jetzt das“, flucht sie leise vor sich hin. Der kleine Finger an der rechten Hand steckt unbeweglich in einer Plastikschiene. Im Training hat sie sich einen Sehnenabriss zugezogen. „Jetzt darf ich acht Wochen kein Korfball spielen. Das geht gar nicht!“ Immerhin, der Arzt hat ihr in Aussicht gestellt, zwei Finger zusammen zu tapen. Dann ist vielleicht auch früher schon wieder was drin, hofft die Sportlerin. Elke Ortgies ist 74 Jahre alt. An ein Leben ohne Sport mag sie nicht denken. An eines ohne Korfball schon gar nicht.
„Ich kann beim Sport total gut abschalten, das kann ich beim Lesen so nicht“, sagt die 74-Jährige. Biografien sind ihr Steckenpferd. „Krimis lese ich nicht, das ist mir zu gruselig.“ Seit rund 40 Jahren lebt sie am Rande von Oldorf auf einem Bauernhof. Ins Wangerland kam sie der Liebe wegen. Ihr Mann starb vor einem Jahr.
Es blieb nur der Hof
„Früher hatten wir Kühe“, erzählt die 74-Jährige, die in Harsefeld geboren wurde. Auf dem Hof hieß es für sie deshalb von Beginn an Anpacken. Doch während ihr Ehemann zum Turnen, Boßeln oder Tennis ging und die Kinder beim Fußballtraining waren, blieb ihr nur der Hof. Zufrieden war sie damit nicht, hatte sie doch im Kreis Stade zumindest Korbball gespielt. Es half, wie so oft, der Zufall.
„Du, wir machen etwas ganz Neues: Korfball!“, dieser schicksalhafte Satz wurde Elke Ortgies auf einer Silberhochzeit zugeraunt. 32 Jahre ist das jetzt her. Heinz Uden, mittlerweile Ehrenvorsitzender beim MTV Hohenkirchen, war der vermeintliche Geheimniskrämer. „Seitdem bin ich dabei“, sagt Elke Ortgies. Sie ist fasziniert von der integrativen Wirkung der niederländischen Ballsportart. Es gibt keine zweite, in der Jung und Alt, Männer wie Frauen gemeinsam um Punkte kämpfen.
Elke Ortgies lebt den Teamgedanken auch über den aktiven Sport hinaus. Denn egal ob Organisation von Turnieren, Kuchen backen, oder beim Friesencross als Streckenposten im Watt stehen, sie ist immer mit von der Partie. Sie ist eine Teamplayerin, vermutlich mag sie es deshalb auch nicht, im Mittelpunkt zu stehen. Bescheidenheit verträgt sich nicht mit großer Lobhudelei. Doch in der vergangenen Woche musste sie einfach mal da durch.
Tränen der Rührung
21.30 Uhr war es in der Sporthalle in Hohenkirchen, die Trainingsstunde fast vorüber, als der Vorstand des MTV mit Plakaten, Konfettikanonen und einer Urkunde das Spielfeld in Beschlag nahm. Das „überraschte Ehrenamt“ eine Aktion des Landessportbunds hatte zugeschlagen und kürte eine Vereinsheldin: Elke Ortgies. Noch Tage später wirft sie einen Blick auf die Urkunde und stellt mit einem leichten Kopfschütteln fest: „Ich bin doch keine Heldin.“ Tränen der Rührung liefen ihr in der Sporthalle dennoch inmitten ihrer Korfballer die Wangen hinunter. Die Gemeinschaft zählt für die 74-Jährige. Wir haben viel Erfreuliches und auch viel Trauriges erlebt“, sagt sie rückblickend.
Großes Korfball-Turnier
Erfreulich ist für sie allerdings, dass die Korfballer vor Kurzem drei neue Spieler gewinnen konnten. „Das läuft bei uns über Mundpropaganda“, erklärt Elke Ortgies. Dennoch sind es in Friesland viel zu wenig Korfballer, um überhaupt an einen Ligaspielbetrieb zu denken. Versuche, den Sport auch anderen Vereinen schmackhaft zu machen, sind weitgehend gescheitert. Deshalb hofft die 74-Jährige, dass der MTV Hohenkirchen nach zwei Jahren Pause in diesem Jahr endlich wieder das große Korfball-Turnier ausrichten kann. Es wäre ein Wiedersehen mit vielen Bekannten und Freunden. Und im November wäre der lädierte Finger auch wieder voll einsatzbereit.
