Sande - Gerrit Schökel ist einer der Fußballer, die da hingehen, wo es wehtut. Ihm, dem Gegner, dem Trainer. Das war schon immer so. Früher sicherlich noch ein wenig mehr als heute. „Da war ich auf dem Platz wohl auch ein wenig asozial“, sagt der Kicker, der in diesen Tagen seinen 34. Geburtstag feiern wird, reumütig. Ein wenig altersmilde ist er schon viel früher geworden. „Mein Leben hat sich in den vergangenen Jahren sehr gewandelt, sodass ich mich auch charakterlich geändert habe.“ Das betrifft weniger seine Leidenschaft für den Sport, als vielmehr die Art und Weise, wie er sie auf dem Platz lebt. Fußball ist für ihn Liebe und Leidenschaft zugleich. Heute möchte er ein Vorbild sein, nicht asozial. Jetzt, mitten in der Coronakrise, beendet er seine Fußballkarriere – kein letztes Spiel, kein letztes Tor, keine letzte Gelbe Karte, keine letzte Saisonabschlussfeier – und damit ist der 33-Jährige zufrieden. Er ist mit sich, seinem Leben und dem Fußball im Reinen. Das war nicht immer so.
Das Jahr 2009 hat ihn geprägt. In jenem November starb sein Vater Peter nach schwerer Krankheit. Die Fußballverrücktheit hatte er an seine beiden Söhne vererbt, war Vorsitzender des FC Rot-Weiß Sande, wo Gerrit und Bruder Raffaele in der ersten Mannschaft kickten. Schon in jungen Jahren gab es für die drei nur den FC Rot-Weiß Sande. „Sieben Tage die Woche“, sagt Gerrit Schökel. Am Wochenende nach dem Frühstück ging es für Gerrit mit seinem Bruder und seinem Vater auf den Fußballplatz und abends wieder nach Hause. Der frühe Tod des Vaters traf Gerrit Schökel schwer. „Alles, jeder Stuhl, jede Kabinenansprache, jede Ballberührung, jedes Tor, hat mich immer an meinen Papa erinnert. Ich dachte, ich könnte mich mit Fußball ablenken, aber jeder negative Lauf, jede schlechte Aktion im Spiel oder im Training – ich habe mich in meinen Gedanken hochgeschaukelt. Das war irgendwann nicht mehr zu verkraften. Der Kopf hat nicht mitgemacht.“
Richtig zuhause fühlte er sich nur in Sande
Die Zeit, die er noch mit seinem Vater verbracht hatte, bezeichnet er heute als Freundschaft pur. Dennoch konnte Gerrit Schökel nach dessen Tod nicht beim FC Rot-Weiß Sande bleiben. Er wechselte zurück zum Heidmühler FC, wo er schon den Großteil seiner Jugend auf den Plätzen in Schoost und im Klosterpark verbracht hatte. Mit Lars Poedtke als Trainer und Freunden wie Lukas Wysiecki, Malte Wobbe und Dennis Spaamann an der Seite fand Gerrit Schökel die Leichtigkeit beim Fußballspielen zurück. So war es für ihn auch keine Frage, dass er seinem Trainer schon zur nächsten Saison folgte, als dieser ihm in bierseliger Atmosphäre eröffnete, dass er bei einem neuen Verein angeheuert hatte: beim FC Rot-Weiß Sande. „Ich war sofort Feuer und Flamme für die Geschichte“, erzählt Gerrit Schökel. Die kommenden Jahre waren wohl die besten in seiner Karriere, die bis dahin immerhin schon einen Ausflug in die Oberliga mit dem SV Wilhelmshaven beinhaltet hatte.
Richtig wohl und zuhause fühlte sich der 33-Jährige immer nur in Sande. „Ich wollte das, was mein Vater begonnen hatte, weiterführen, auch für ihn.“ So begann Gerrit Schökel neben dem Fußballspielen auch damit, sich in der Vorstandsarbeit einzubringen. „Ich habe mir dabei auch sehr viel Druck selbst gemacht. Die Leistung auf dem Platz musste stimmen.“ Im vergangenen Jahr berichtete der Fußballer freimütig über Medikamentenmissbrauch im Fußball und seine Erfahrungen damit. Denn auch er griff regelmäßig zu Ibuprofen, Paracetamol und Co., um spielfähig zu sein. Letztlich ging der Missbrauch so weit, dass er irgendwann Blut spuckte und sich seinem Arzt anvertraute. Der riet ihm dringend, die Medikamenteneinnahme abzubrechen, um keine Langzeitschäden zu riskieren. Gerrit Schökel folgte dem Rat, nicht nur für sich selbst, sondern auch seiner Tochter zuliebe.
Das Wörtchen „nie“ fehlt im Wortschatz
Neun Jahre ist sie mittlerweile alt. Und sie ist einer der Hauptgründe, warum er jetzt, mitten in der Pandemie, seine Fußballschuhe an den Nagel hängen möchte. In einer Zeit ohne Punktspiele ist ihm deutlicher denn je klar geworden, dass es wichtigeres gibt als Fußball. „Die Pandemie hat mir meine große Liebe genommen, aber ich habe festgestellt, dass die große Liebe zu meiner Tochter noch viel stärker ist. Jetzt ist so eine Phase, in der sie ihren Vater braucht.“ Der 33-Jährige lebt getrennt von Mutter und Tochter. „Die wenige Zeit, die ich mit ihr habe, will ich nutzen, denn machen wir uns nichts vor, wenn sie 14, 15 ist, dann hat sie auch keinen Bock mehr auf Papa-Wochenenden. Da werde ich eher gebraucht, wenn ich sie aus der Disco abholen muss“, sagt er und lacht. „Meine Tochter findet es ein bisschen schade, dass ich aufhöre.“ Ihm hingegen fehlen Lust und Motivation. „Jedem Vollblut-Fußballer müsste es in den Füßen jucken, irgendwann wieder auf den Platz zu gehen“, sagt Gerrit Schökel. Ihm hingegen geht dieses Gefühl völlig ab. „Ich spüre das null“, erklärt er, ohne erahnen zu können, ob es noch genauso sein wird, sollte irgendwann einmal wieder Fußball gespielt werden können. „Nie wieder“ mag er auch nicht sagen. Generell fehlt das Wörtchen „nie“ in seinem Wortschatz. Aktuell sieht er sich zukünftig aber lieber als Teil einer Altherrenmannschaft. Doch um dort zu starten, muss er wohl oder übel noch ein paar Jahre warten. Genug Zeit, um sich um seine große Liebe zu kümmern. Der Fußball kann warten.
