Sande - Als Kerstin Ullrich 2001 die Tanzsparte beim TuS Sande gründete, hieß sie noch Gerdes mit Nachnamen, war 16 Jahre alt und damit zu jung, um alleinverantwortlich eine Sparte zu leiten. Eine ältere Vereinskameradin musste mit ran, damit die Erfolgsgeschichte ihren Lauf nehmen konnte.
Mit einer Gruppe startete die Sparte „Videoclip-Dancing“ also, dabei war damals als Siebenjährige auch Vanessa Harms. Heute ist sie 27 und selbst Übungsleiterin. Wie so viele andere ist sie mit dem Tanzen im TuS aufgewachsen und mittlerweile ist ein beträchtlicher Teil der Mädchen von damals immer noch selbst aktiv und unterstützt darüber hinaus den Tanznachwuchs als Trainerin.
Enge Freundschaften entstehen in der Tanzgruppe des TuS Sande
„Eigentlich sind wir schon sowas wie eine Selbsthilfegruppe“, sagt Vanessa Harms lachend über sich und ihre Kolleginnen. Sofern gerade keine Pandemie das tänzerische Treiben und größere private Zusammenkünfte lahm legt, gibt es nämlich auch regelmäßige Treffen der Übungsleiterinnen, die gerne bis tief in die Nacht dauern können. 20 Jahre gemeinsames Tanzen schweißt eben zusammen und lässt enge Freundschaften entstehen.
Aber es sind nicht nur die Trainerinnen, die sich als Einheit präsentieren. Auch die verschiedenen Gruppen geben sich als Gemeinschaft. Tagesausflüge etwa in den Zoo oder zum Lasertag und sogar Übernachtungspartys werden organisiert. Die meisten Übungsleiterinnen sind zwischen 20 und 30, Kerstin Ullrich mit ihren 36 Jahren ist die älteste. Sie hat sich mit der Geburt ihres Sohnes 2015 etwas zurückgezogen. „Ich habe immer noch meine eigene Gruppe – nämlich die von damals – und auch die Kleineren freuen sich, wenn ich in die Halle komme“, berichtet sie. Abgesehen davon vertritt sie als Fachwartin für Video-Clip Dancing die große Schar an Tänzern im Vorstand des TuS Sande. „Das hat vieles vereinfacht“, sagt sie. „Tanzen ist die größte Sparte im TuS, und eigentlich werden wir immer noch mehr. Wir haben Wartelisten mit 15 bis 20 Kindern.“
Insgesamt sind es aktuell neun Gruppen, die Kerstin Ullrich und Vanessa Harms auf dem Zettel haben – Tendenz steigend. Auch darum ist die Spartenleiterin nicht böse darum, Aufgaben an Jüngere abzugeben. Neun Übungsleiterinnen sind offiziell dabei, zwei Jugendliche werden derzeit an diese Aufgabe herangeführt. Dabei gehen die beiden Hauptverantwortlichen ganz geschickt vor. „Meistens braucht es einen Moment, bis wir die Musik in Schwung haben. Dann schicken wir die Mädels schon mal los, um das Aufwärmen zu beginnen“, erzählt Kerstin Ullrich grinsend. „Da kann man schon gucken, wie die mit den Kindern so umgehen. Bei einigen hat man schon gemerkt, dass sie noch zu schüchtern sind, aber fünfmal war es auch ein absoluter Glücksgriff.“
Übungsleiterinnen in Sande sind mit Herzblut dabei
Einer dieser Glücksgriffe ist Verena Eims. „Verena springt immer ein“, lobt Kerstin Ullrich. Die 27-jährige Sozialarbeiterin ist diejenige, die in Zeiten von Corona die Vorbereitung und Verbreitung von Videos in ihre Verantwortung genommen hat. Eigens ein Stativ hat sie sich besorgt, um den Tänzern möglichst viel gewohnten Standard bieten zu können. Während ihres Studiums in Emden wurden die Vorlesungen grundsätzlich so gelegt, dass der Trainingsdienstag frei blieb und sie ihre Gruppe in Sande mit neuen Choreographien erfreuen konnte. Dem ersten Training nach dem zweiten Lockdown jetzt im März folgte eine lange Sprachnachricht in der Übungsleiter-WhatsApp-Gruppe, in der sie ihre Freude überschwänglich zum Ausdruck brachte.
Auch das ist ein Zeichen für Kerstin Ullrich, dass sie bei der Wahl ihrer Trainerinnen alles richtig gemacht hat und sie sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen braucht. Denn auch Ideen sind durchaus da. Alina Rinke möchte gerne eine Gruppe für geistig Behinderte ins Leben rufen, sie arbeitet bei der GPS und dieses Team wäre ein Herzensprojekt. Auch eine eigene Gruppe für Jungs wäre denkbar, denn der Anteil an männlichen Tänzern ist doch verschwindend gering. Bei den Kleinen zwischen drei und sechs Jahren ist zwar schon der eine oder andere Junge dabei, aber dann hört es schon sehr bald auf. Der Workshop, den der TuS vor zwei Jahren angeboten hat, sei zwar gut angenommen worden, aber nur zwei oder drei von den Besuchern damals seien hängen geblieben. „Die haben sich was anderes vorgestellt“, mutmaßt Vanessa Harms. „Die waren eher bei HipHop oder Breakdance.“
Jeder bringt seinen eigenen Tanzstil mit ein
Dabei ist das Tanzen beim TuS Sande längst nicht nur das klassische Video-Clip Dancing, in dem die Choreographien aus Musikvideos nachgestellt werden. Sicherlich kommen auch Elemente daraus vor, aber jede Übungsleiterin bringt ihren eigenen Stil mit und weiß vor allem, was ihre Gruppe kann. Das wiederum ist mit einiger Vorbereitung verbunden. „Ich kann nicht in die Halle gehen, und lostanzen“, sagt Kerstin Ullrich. Die Vorbereitung der Tänze sei nicht mal eben mit Links gemacht.
Ein weiteres Projekt, das vor Corona zumindest einmal erprobt wurde und ebenfalls ein bisschen Vorbereitungszeit braucht, ist das Ausrichten von Kindergeburtstagen. Das Geburtstagskind darf sich ein Lied aussuchen, zu dem in den Räumen der Klaus-Bünting-Sporthalle ein Tanz einstudiert wird. Die Eltern können es sich derweil mit Kuchen und Kaffee im Obergeschoss gemütlich machen und auf die Aufführung warten. „Die Idee ist noch nicht gestorben“, betont Vanessa Harms, die beim Thema Aufführung auch direkt ins Schwärmen kommt.
Denn die große Weihnachtsaufführung am dritten Adventswochenende ist Jahr für Jahr der Höhepunkt, auf den die zahlreichen Tänzer mit viel Enthusiasmus und Schweiß hinarbeiten. Aufgrund der großen Nachfrage musste das Projekt bereits von der Grundschulsporthalle in die Großraumhalle am Falkenweg umziehen, was jede Menge Überzeugungsarbeit bei Kerstin Ullrich erforderlich gemacht hat. „Die Halle ist einfach hässlich“, sagt sie und man merkt, dass sie das Ambiente der kleinen Schulsporthalle deutlich besser fand.
Ob in diesem Jahr eine Weihnachtsshow stattfinden kann, das weiß der Himmel. Die Vorbereitungen dafür müssten eigentlich jetzt beginnen, aber daran mögen Kerstin Ullrich und Vanessa Harms gar nicht denken. Eine erneute Enttäuschung würde sie bei der Menge an Herzblut, die hineinfließt, schon traurig stimmen.
