Schortens - Doris Link besitzt seit einem Besuch beim Berlin-Marathon ein Autogramm von Haile Gebrselassie. Der Äthiopier, heute 48 Jahre alt, war mit einer Zeit von 2:03:59 Stunden vier Jahre lang Inhaber des Marathon-Weltrekords und holte zweimal Gold bei Olympia über 10 000 Meter.

Jens Link hat bereits 17 Marathon-Starts in Ziel gebracht. Seine Bestzeit liegt unter vier Stunden. Ob es 3:56 oder 3:54 Stunden sind, weiß der 57-Jährige nicht genau. Beide aber sind sich sicher: Die Hatz nach Rekorden treibt nicht mehr an. Aber Laufen macht Spaß, Laufen hilft in der Pandemie, um dem Alltag mehr Glanz zu verleihen. Und Laufen hilft auch, sich selber noch besser kennenzulernen.

Aktuell befindet sich das Ehepaar aus Schortens seit sechs Wochen in der Vorbereitung auf den Hamburg-Marathon am 24. April – wie mehr als 10 000 andere Läuferinnen und Läufer auch, die einen Startplatz ergattert haben.

Mittlerweile ist das für beide, er (57) Ingenieur bei einem Energieversorger, sie (59) im Karrierecenter der Bundeswehr beschäftigt, Routine. Mindestens dreimal in der Woche, meistens aber eher fünfmal, geht es nach draußen zum Training. Am Samstag ist der Regenerationstag, am Sonntag sagt der Blick auf die Laufuhr häufig: Heute geht es auf eine längere Laufreise.

Rückblende: Vor 15 Jahren hätten beide wohl eher den Kopf geschüttelt über ein Ehepaar mit zwei erwachsenen Kindern, wo die Frau sagt: „Meine Laufschuhe sind die teuersten Schuhe, die ich besitze.“ Oder der Mann: „Zwei Paar Laufschuhe sind bei mir ständig im Einsatz, damit sich die Gel-Kissen in den Schuhen regenerieren können.“

Damals war Jens Link gerade Hausmann. „Und das hat sich auf der Waage bemerkbar gemacht, weil wir beide gerne essen“, stellt der 57-Jährige im Rückblick fest. Für die Umsetzung des Willens, ein bisschen mehr zu tun („Ich habe etwas gesucht, was den Kopf befreit“), fand Link Gleichgesinnte – darunter auch die eigene Ehefrau, die ihren Mann in seinem Vorhaben unterstützen wollte. „In der Gruppe etwas zu machen hilft, wenn man mal einen Durchhänger hat.“

Und die Einsteiger fanden die 8-9-10-Gruppe „Schortens bewegt sich“ von Physiotherapeutin Insa Lünemann und fünf Schortenser Ärzten, die von 2015 an jahrelang Einsteiger betreuten, um nach acht Monaten Vorbereitung (und dem Verlust von neun Kilogramm Körpergewicht) in der Lage zu sein, beim Jever-Fun-Lauf den 10 km-Lauf zu bewältigen.

Bei beiden klappte das. Und beide wurden „angefixt“. Jens Link hat seine späteren Ziele – die 10 Kilometer unter 45 Minuten und den Marathon unter vier Stunden – erreicht. Für Doris Link („Die ersten fünf Kilometer sind meditativ“) waren und sind die Zeiten komplett zweitrangig. In Berlin ist die 59-Jährige beim Marathon einmal nach 32 Kilometern in die U-Bahn gestiegen und ins Ziel gefahren. „Ich laufe, weil es mir gut tut. Dass Jens etwas schneller unterwegs ist, stört uns beide nicht. Und wenn ich im Training mal wieder zuviel quatsche, läuft er halt weg. Ansonsten sind wir beide in einem Alter, wo man sich nichts mehr beweisen muss.“

Martin Münzberger
Martin Münzberger Sportredaktion, Jeversches Wochenblatt, Wilhelmshavener Zeitung