Westerjork/Reepsholt - Westerjork liegt zwischen Stade und Hamburg und somit mitten im Alten Land, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet in Europa. Hier hat Benno Heeren gemeinsam mit seiner Ehefrau vor vielen Jahren einen florierenden Obsthandel gegründet. Heeren, Jahrgang 1946, ist gebürtiger Westerburer und hat in seiner Jugend die Realschule in Esens besucht. Schon früh entdeckte der sportliche junge Mann seine Leidenschaft für den Friesensport, aber auch für das Fußballspielen.
In beiden Sportarten bewies Heeren großes Talent und feierte einige Erfolge. In den späten sechziger Jahren wurde er beispielsweise Einzelmeister im Fünf-Kampf bei den Kreismeisterschaften in Esens. Doch der passionierte Friesensportler musste neben dem Sport natürlich auch an sein berufliches Weiterkommen denken. Er verließ Ostfriesland und heuerte bei der Bundesmarine an, um dort die Offizierslaufbahn einzuschlagen.
Militär oder Karriere im Friesensport
Die Entscheidung für eine militärische Karriere bedeutete natürlich auch das Ende seiner sportlichen Ambitionen als Boßler und Klootschießer. Er fand zunächst Verwendung auf der Gorch-Fock und schließlich auf dem Marine-Schulschiff „Deutschland“, bis eine Erkrankung die maritime Laufbahn des Leutnants zur See jäh beendete. Heeren verschlug es danach nach Gronau, wo er seine berufliche Bestimmung in einer großen Einzelhandelskette fand. Schnell stieg er dort vom stellvertretenden Filialleiter zum Chefeinkäufer für Obst, Früchte und Gemüse auf und wurde so zum Fachmann für Bananen, Äpfel, Erdbeeren und alles, was der Garten so hergibt. Schließlich nutzte er seine einschlägigen Erfahrungen, um sich selbstständig zu machen. Er gründete zusammen mit seiner Ehefrau die Fruchtagentur „Altes Land“ in der Nähe von York.
Als Rentner zurück zur Boßelkugel
Mittlerweile siebzigjährig übergab er im Jahr 2016 seinem Sohn die Geschäftsführung und ging in den vielfach zitierten wohlverdienten Ruhestand. Nun hatte der erfolgreiche Obsthändler plötzlich viel Zeit und machte sich Gedanken, wie er diese sinnvoll nutzen könnte. Schnell stieg in ihm der Gedanke hoch, wieder zur Boßelkugel zu greifen. Doch im Alten Land finden, wenn überhaupt, nur die berüchtigten Boßel-Spaßveranstaltungen mit Bollerwagen statt. Das kam für den sportlichen Pensionär natürlich nicht in Frage.
Comeback bei den Reepsholter Männern IV
Ein Anruf beim ehemaligen Wittmunder Sparkassen-Chef Herbert Fischer brachte schließlich die Lösung. Der erinnerte ihn an einen alten Weggefährten aus vergangenen Esenser Realschulzeiten – Hillrich Reents aus Friedeburg. Der ehemalige Bürgermeister ging seinerzeit in seine Parallelklasse und ist seit vielen Jahren aktiver Boßler beim KBV „Ostfreesland“ Reepsholt.
Gerne nahm Reents den alten Schulkameraden an die Hand und absolvierte ein paar Trainingseinheiten mit ihm. Und siehe da: Der ehemalige Westerburer Friesensportler hatte nichts verlernt und war nach ein paar Übungswürfen schnell wieder in der Lage, die schwarze Kunststoffkugel gekonnt über den Asphalt zu befördern. Benno Heeren wurde alsbald in die Männer IV Mannschaft der Reepsholter aufgenommen. Dort frönen Akteure reiferen Alters dem Traditionssport der Ostfriesen, sie müssen mindestens 65 Jahre alt sein, um in dieser Altersklasse starten zu dürfen.
Ehefrau als Bahnweiserin
So sieht man jetzt im Alten Land regelmäßig ein rüstiges Rentner-Ehepaar auf einer schmalen Deichstraße der Boßelkugel hinterherjagen. Während Benno Heeren dort sein individuelles Trainingsprogramm absolviert, fungiert seine Ehefrau als Bahnweiserin und Kugelsucherin. „Mein Mann kann den Mittwoch kaum erwarten, an dem er endlich wieder mit seinen neuen Reepsholter Boßelfreunden auf Punktejagd gehen kann – die lange Autofahrt nimmt er dafür gerne in Kauf“, sagt Dori Heeren lachend und ergänzt: „In dieser Zeit kann ich dann in Ruhe meinen Dingen nachgehen.“ Nun hofft der Exil-Ostfriese, dass die die aktuelle Corona-Pause bald beendet sein wird, um in seiner alten Heimat die Kugel rollen zu lassen.
