Wilhelmshaven - In Sachen Fechten ist sie die Ikone dieser Region und darüber hinaus auch eine der erfolgreichsten Fechterinnen Deutschlands: Für ihr jahrzehntelanges Engagement für diesen Sport und in Anerkennung ihrer Leistungen wurde Heidrun West vom WSC Frisia jetzt mit der Ehrennadel in Gold des Fechtverbands Niedersachsen ausgezeichnet.

„Es war nie leicht, in dieser Nische zu arbeiten und Erfolg zu haben“, sagt die Fechtmeisterin. „Und Corona hat uns dann allen noch einmal doppelt und dreifach einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber wir haben uns durchgebissen und stehen mit unseren knapp 50 Mitgliedern in der Fechtabteilung sehr gut da. Deshalb freue ich mich natürlich über die Auszeichnung. Nur wenige wissen, wie viel Arbeit tatsächlich dahintersteckt.“

Dass aus ihr einmal eine starke Fechterin wird, die mit der Nationalmannschaft bei Welt- und Europameisterschaften der Senioren ganz oben auf dem Treppchen steht, damit hätte West in Kindheitstagen nicht gerechnet. „Ich habe nach meiner Einschulung fast zehn Jahre Ballett getanzt und hatte auch einige Auftritte im Stadttheater“, erzählt die gebürtige Ost-Berlinerin. „Mit 16 wollte ich dann was Dynamischeres machen und bin mit einer Freundin zum Fechten gegangen.“

Obwohl auf der Planche Körperbeherrschung und Gleichgewichtssinn ein absolutes Muss sind, half ihr die tänzerische Vorgeschichte nicht wirklich weiter. „Ich hatte zwar eine gewisse Eleganz in der Grundhaltung, habe die Schritte aber am Anfang wie Tanzschritte absolviert“, sagt die Fechtmeisterin und lacht. „Das sah schon komisch aus. Den richtigen Dreh habe ich aber schnell gefunden.“

An der „Akademie der Fechtkunst Deutschlands“ in Hamburg ließ sich West später zur Meisterin formen und absolvierte parallel in Kiel die Ausbildung zur Sportlehrerin. „Fechten war damals noch eine reine Männerdomäne. Da haben einige Herren schon sparsam geguckt, was denn die kleine blonde Frau da wohl will“, sagt die Jadestädterin. „Mit Leistung und Einsatz habe ich mir dann aber schnell den nötigen Respekt verschafft.“

Im Laufe ihrer inzwischen rund 60-jährigen Laufbahn hat West zahlreiche regionale, nationale und auch internationale Titel gewonnen und so ganz nebenbei auch viel von der Welt gesehen. „Ich habe sogar in der Karibik auf Martinique gefochten – oder in Moskau“, sagt die Jadestädterin. „Damit wird aber bald Schluss sein.“

Bei der Veteranen-WM im kroatischen Zadar wird West Anfang Oktober dieses Jahres ihren letzten internationalen Auftritt auf der Planche haben. „Training, Reisestress, Qualifikations-Turniere – das muss ich mir alles nicht mehr geben“, erklärt die Fechtmeisterin. „Außerdem ist es wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Ich will nicht, dass alle irgendwann über mich lachen, wenn ich den Degen kaum noch halten kann.“

Doch für die letzten internationalen Gefechte ihrer Karriere gibt West in diesen Tagen noch einmal alles. Dazu gehören auch einige Fechtstunden bei Hans Visser aus Emden. Der Ex-Weltmeister zählt zu den besten Seniorenfechtern Deutschlands, nimmt aber nicht mehr an Wettkämpfen teil. Oder ein paar Trainingsgefechte mit Degenspezialistin Petra Walter, die kürzlich aus dem Siegerland nach Wittmund gezogen ist.

Ihre Arbeit beim WSC Frisia ist für West aber auch nach der WM in Kroatien nicht beendet. „Kinder und Jugendliche zu trainieren macht mir nach wie vor Spaß. Auch wenn sich einige Dinge im Laufe der Zeit geändert haben“, sagt sie. Nur die Suche nach einem geeigneten Nachfolger bereitet ihr Kopfzerbrechen.

„Ich hatte gehofft, dass Jakob Willich nach seiner Rückkehr nach Wilhelmshaven vielleicht in meine Fußstapfen treten könnten“, sagt West mit Blick auf den umtriebigen Ultimate-Frisbee-Coach des WSSV. „Leider setzt er sportlich inzwischen andere Prioritäten. Schade für uns, weil er ein Trainer ist, der nicht nur lektionieren, sondern den Nachwuchs auch motivieren kann.“

Die Fecht-Flagge muss Heidrun West beim WSC Frisia also wohl auch weiterhin alleine hochhalten. An Engagement und Ehrgeiz wird es der Fechtmeisterin dabei sicherlich nicht mangeln.

Carsten Conrads
Carsten Conrads Sportredaktion