Wilhelmshaven/Friesland - Der Vareler Heiko Ulrich ist den ersten Marathon seines Lebens gelaufen. Von Dangast aus ging es zusammen mit Matthias Gerbers zum Aquarium nach Wilhelmshaven und dann am Deich zurück.

Nun sind 42,195 Kilometer zwar immer noch für jeden, der sich das vornimmt und schafft, eine ungewöhnlich hohe Hürde, angesichts vieler Debütanten, Wiederholungstäter und Ultraläufer oder mehr als 17 000 Finishern in Hamburg im Sportumfeld aber eher „gewöhnlich“.

Für den 43-jährigen gebürtigen Nordrhein-Westfalen hat die Premiere aber noch eine andere, wesentlichere Bedeutung, die etwas mit der Vorbereitung und wenig mit den 4:43 Stunden auf der Strecke zu tun hat.

Heiko Ulrich ist Epileptiker. Die ersten Anfälle als 14-Jähriger und fünf Jahre später bei der Bundeswehr wurden medikamentös in den Griff bekommen, anschließend folgten Jobs als Personaldienstleister und als Niederlassungsleiter. Allerdings auch eine Rückkehr der Anfälle. Ulrich: „In den letzten acht Jahren habe ich rund eineinviertel Jahre zu Untersuchungen in Krankenhäusern verbracht – im längsten Fall zehn Wochen in Folge. Und nicht immer kann ich sagen, dass mir das gut getan hätte oder mich weiter gebracht hat.“

Fest steht aber: der Sport tut Ulrich gut. Auch deshalb, weil er dem 43-Jährigen, der seit knapp drei Jahren in Varel wohnt, ein Ziel und einen Wohlfühlraum verschafft hat. „Wenn du so jung wie ich zum Frührentner wirst, du damit leben lernen musst, dass die Anfälle bleiben, weil kein Zentrum im Gehirn lokalisiert wird, wo operativ eingegriffen werden könnte, dann kann dich das richtig runterziehen. Denn deine Ängste sieht ja keiner.“

Für Heiko Ulrich war Aufzugeben oder sich zurückzuziehen keine Option. Der Friesländer schloss sich der Tischtennis-Sparte des Vareler TB an und ging offensiv mit seiner Epilepsie um. Allerdings treten die Krämpfe beim Sport kaum auf. „Vielleicht muss ich mich mal kurz hinsetzen und durchatmen, aber grundsätzlich ist am Tisch der Fokus komplett auf den Ball und meine Reaktion gerichtet. Deshalb geht es mir beim Tischtennisspielen gut.“

Damit es ihm auch sonst möglichst gut geht, hat Heiko Ulrich Strategien entwickelt, die ihm helfen. Denn es gibt, so der Vareler, nicht die eine Epilepsie, sondern viele verschiedene Arten dieser Erkrankung wie die Reaktion auf Stress – und damit auch individuell taugliche Möglichkeiten, darauf zu reagieren, wenn der Krankheit – wie bei Ulrich – nicht mit einer Operation begegnet werden kann.

Neben dem für Ulrich positiv besetzten Sport ist das für den Friesländer vor allem eine Atem-Entspannung, wie sie zum Beispiel eine Fantasie-Reise bietet. „Bis zu einer dreiviertel Stunde am Tag – akustisch begleitet – versuche ich so, zur Ruhe zu kommen.“

Ganz verhindern lässt sich damit aber nicht, dass es immer wieder zu Anfällen kommt. Ulrich: „Zu 90 Prozent kündigt sich das durch sogenannte Auren an. Deswegen setzt man sich dann lieber hin. Ganz verhindern lässt sich aber nicht, dass man deshalb auch mal einen Kampf mit der Badewanne verliert und sich ein paar Rippen bricht.“

Oder die Anfälle kommen dann, wenn man sie überhaupt nicht „braucht“, wie im vergangenen Jahr bei seiner Hochzeit. Heiko Ulrich: „Die Gäste wussten Bescheid, aber ich war eine Dreiviertelstunde etwas benommen.“ Wie überhaupt man sich die Folgen eines großen Anfalls, so erzählt es der 43-Jährige, vorstellen muss wie einen schweren Muskelkater, der mehrere Tage viele Bewegungen drosselt.

Auf seinen ersten Marathon hat sich der Vareler mehr als ein halbes Jahr lang vorbereitet – und mit der Zielankunft auch einen Jugendtraum verwirklicht.

Ausgangspunkt war, dass sich Laufkollege Matthias Gerbers beim virtuellen Hamburg-Marathon angemeldet hatte. Damit war ein Zeitfenster definiert – und Heiko Ulrich machte sich mit dem Credo von Olympiasieger Dieter Baumann (Laufe langsam) und dem Vertrauen auf das eigene Bauchgefühl an die Vorbereitung.

Nach drei Läufen über 30 Kilometer und einem Halbmarathon mit einem 5:36 Minuten-Schnitt war klar: die Zeit ist reif. Und dann? Heiko Ulrich: „32 Kilometer lang ging alles gut. Anschließend aber musste ich mich richtig durchbeißen, bin glücklicherweise von meiner Radfahrer-Begleitung zugetextet worden und habe mich mit Bäumen als Minizielen zum Endpunkt an der Vareler Schleuse zurückgekämpft. Aber ob ich das nochmal mache, weiß ich im Augenblick wirklich nicht. Erstmal muss ich mich erholen.“

Mit der Verwirklichung seines Ziels möchte der 43-Jährige letztlich aber allen, die durch eine Krankheit eingeschränkt sind, Mut machen. „Steh’ auf und gehe weiter – mir hat das geholfen.“

Martin Münzberger
Martin Münzberger Sportredaktion, Jeversches Wochenblatt, Wilhelmshavener Zeitung