Wilhelmshaven - „Menschen mit Behinderungen sind nach wie vor viel zu oft von wirklicher Teilhabe und Mitbestimmung ausgeschlossen“, hat Karl Finke, Präsident des Behinderten-Sportverbandes Niedersachsen (BSN), anlässlich des „Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung“ am Donnerstag festgestellt. Der Verband zählt landesweit 57.000 Mitglieder und Finke sieht in vielen Bereichen „dringenden Handlungsbedarf“ – ein Grund, sich einmal vor Ort umzuhören.
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Die Wilhelmshavener Kinderhilfe erreicht mit ihren Angeboten rund 200 Menschen mit Behinderung aus WiKi-Wohnheimen und GPS-Einrichtungen. Angeboten werden Schwimmen (Rehazentrum, Nautimo) und Rehasport in der Halle. Als inklusive Angebote – also Kurse, die auch Nicht-Behinderten offenstehen – gibt es Yoga und Pilates.
Die für Sport zuständige WiKi-Bereichsleiterin Katharina Pollet muss allerdings feststellen, dass inklusive Angebote weiterhin „ein schwieriges Geschäft“ sind.
Das Problem: Nicht-Behinderte haben zum Teil einen anderen Blick auf das sportliche Angebot, denken trotz der breitensportlichen Ausrichtung leistungsorientierter. Pollet: „Da klaffen die Vorstellungen häufig auseinander. Für den Großteil unserer Teilnehmer steht der Spaß im Mittelpunkt. Und für sie müssen wir deshalb unsere Angebote stricken.“
Auch die zum Teil eingeschränkte Mobilität der WiKi-Sportler stellt, so Pollet, ein Problem dar. „In diesem Bereich Sport anzubieten, ist immer auch ein großes logistisches Problem und funktioniert nur, wenn alle mitspielen.“
Doch es gibt auch, so die WiKi-Fachfrau, erfreuliche Aspekte. Dazu gehörte, dass die Krankenkassen – die Rehasportler brauchen Rezepte – die Gültigkeit der Bescheinigungen im Lockdown unbürokratisch um bis zu drei Monate verlängert hatten.
Keine vorbehaltlos optimistischen Töne schlägt auch Jan Alter an, seit 2018 Leiter des Inklusionssportfestes in Wilhelmshaven. Alter ist ehrenamtlicher Behinderten-Beauftragter für den Nordkreis Friesland und sitzt als Mitglied auch im niedersächsischen Inklusionsrat von Menschen mit Behinderungen. „Um echte Inklusion umzusetzen, braucht es einen langen Atem. Das ist ein zäher Prozess, der noch in den Kinderschuhen steckt.“
In diesem Zusammenhang muss Alter, bis vor kurzem auch Einrichtungsleiter Sport bei der Wilhelmshavener Kinderhilfe, zudem eingestehen, dass er auch vor fünf Jahren bei der gleichen Fragestellung eine ähnliche Aussage formuliert hätte. Pessimistisch geäußert hatte sich Alter auch 2018 bereits auf einem Workshop des Inklusionsrates in Göttingen zu inklusiven Sportangeboten, Inklusionsparcours oder Inklusion in der Jugendarbeit. Seine aus der Praxis abgeleitete Befürchtung abseits aller Idealisierungen über die Wichtigkeit so einer Möglichkeit. „Die Qualität des Angebots hat nur sehr bedingt einen Einfuß darauf, wieviele Sportler das nutzen.“
Aber auch hier gibt es weiter positive Ansätze. So wurden in Wilhelmshaven wiederholt behinderte Schwimmer in den allgemeinen Schwimmunterricht und auch in das Training der Vereine integriert. Und auch die Leichtathleten in Niedersachsen haben mittlerweile gemeinsame Meisterschaften – 2016 auch in Wilhelmshaven zu sehen.
Awo
Positive Beispiele kennt auch Doris Tjarks. Die AWO-Geschäftsführerin, gleichzeitig verantwortlich für die 60-köpfige AWO-Nordseesportgruppe, hat ein offenes Bowling-Angebot ins Leben gerufen. Auch deshalb, weil durch die Schließung von Leiners Landhotel absehbar keine Kegel-Wettkämpfe mehr im Rahmen des Inklusionssportfestes stattfinden werden. „Das ist sehr gut angelaufen. Neben unseren Aktiven sind WiKi und GPS dabei – und auch immer mehr Angehörige und Freunde.“
Eine Ausweitung des Angebots war auch deshalb möglich, weil das Bowling-Center Nord der AWO die Bahnen vergünstigt zur Verfügung stellt und auch der Stadtsportbund Wilhelmshaven finanziell mit im Boot ist.
Tjarks: „In diesem Zusammenhang können wir uns absolut nicht beklagen. Neben den Zuschüssen der niedersächsischen Verbände haben wir auch in der Stadt viele Sponsoren, die uns unterstützen. Nur so sind regelmäßige Fahrten zu Meisterschaften oder unsere auswärtigen Sportseminare aufrecht zu erhalten.“
Das Bowling-Angebot richtet den Blick zudem auf einen Inklusionsgedanken, der für Doris Tjarks der symphatischere ist. „Inklusion kann ja auch heißen, dass Nicht-Behinderte zu uns kommen. Das wird gerne anders herum definiert.“
Die Arbeiterwohlfahrt bietet unter dem Strich rund zehn Stunden Sport pro Woche an. Neben Bowling, Kegeln (im Restaurant Cosimo) und Schwimmen, ist das noch wie bei der WiKi auch Rehasport. Im kommenden Frühjahr wird zudem Standup-Paddling beim KSW das Angebot ergänzen. Tjarks: „Zunächst haben wir uns schulen lassen. Denn bevor ich da mit unseren Sportlerinnen und Sportler aufs Wasser gehe, muss ich das selber beherrschen.“
Wie weit der Weg schließlich für ein selbstverständliches Miteinander noch ist, zeigt ein (unsportliches) Beispiel der Bahn – für den friesländischen Behinderten-Beauftragten Jan Alter seit mehr als zehn Jahren eine echte Posse. „Wenn ein Rollstuhl-Fahrer mit dem Zug von Oldenburg nach Varel will, muss er nach Sande fahren, dort umsteigen und in der Gegenrichtung wieder nach Varel fahren, weil er erst dann auf dem richtigen Gleis ankommt. Also dort, wo er auch aussteigen kann.“
