Wilhelmshaven - Als er seinen Freund weinen sieht, weiß Heinz Ehlers, was er tun muss. Er steht am Werdersee in Bremen und sieht zu, wie sein Kumpel über das Wasser paddelt. Sein Freund schreit vor Glück, sodass es kaum jemanden am Ufer nicht berührt. Auf dem SUP, dem Board fürs Stand-Up-Paddling, sitzt ein Rollstuhlfahrer. „Seit einem Unfall ist er querschnittsgelähmt. Die Idee, ihn aufs Board zu bringen, hatte ich schon länger“, sagt Ehlers. Der Schortenser hat vor vier Jahren das erste Mal diese Wassersportart in Hamburg gesehen und in der Wassersportschule „Sail United“ in Lübeck völlig neue Wege entdeckt, Sport auf dem Wasser inklusiv zu erleben. Menschen mit und ohne Behinderung erleben dort beliebte Wassersportarten wie Stand-Up-Paddling, Kite- und Windsurfen gemeinsam. Als Ehlers seinen Freund auf dem Werdersee freudestrahlend dahinpaddeln sieht, ist ihm klar, hier an der Nordseeküste, am Banter See in Wilhelmshaven gibt es die perfekten Bedingungen. „Stand Up-Paddling gibt es hier aber so gut wie gar nicht“, sagt Eilers. Er tritt an, das zu ändern.
Beim Kanu- und Segelsportverein Wilhelmshaven wurden er und seine Ideen mit offenen Armen empfangen. Zusammen mit Stephanie Wilts von der Wilhelmshavener Kinderhilfe (WiKi) ist er nun dabei Stand-Up-Paddling als Inklusionsangebot beim KSW aufzubauen. Fördergelder haben die beiden schon eingesammelt. Mit ihnen wurden einige Boards angeschafft, darunter ein fünf Meter langes für vier Personen und ein sieben Meter langes aufblasbares Brett, das nur als Team genutzt werden kann.
Kreative Köpfe
Zusammen mit der Firma Uber entwickeln sie derzeit einen Sitz für Rollstuhlfahrer, damit auch sie die SUP-Boards nutzen können. „Wie bekommen wir den Sitz salzwasserfest und unempfindlich gegen Rost? Da braucht es kreative Köpfe“, sagt Jörg Klose, Reha-Leiter des Sanitätshauses, der maßgeblich einen Prototypen mitentwickelt hat, mit dem sich querschnittsgelähmte Menschen aufs Wasser trauen können. „Beim Motorradfahren ist mir die Idee dazu gekommen“, sagt er.
Schon jetzt bekunden andere Wassersportvereine nicht nur aus Niedersachsen großes Interesse an der Neuentwicklung. „Wassersport ist das Medium, bei dem behinderte Menschen viel herausziehen können“, erklärt Ehlers. Gerade Stand-Up-Paddling fördert die Tiefenmuskulatur. Der Körper ist auf dem Board permanent um Ausgleichsbewegungen bemüht. „Wer das erste Mal auf dem Board steht, kann am nächsten Tag mit einem anständigen Muskelkater rechnen“, sagt Ehlers. Er spricht aus Erfahrung und hat selbst von der Sportart sehr profitiert. Berufsbedingt litt er unter schweren Rückenschmerzen. „Seit ich Stand-Up-Paddling betreibe, kann ich mir den Gang zum Physiotherapeuten sparen“, erzählt er. „Und der Sport macht einfach riesig viel Spaß.“
Möglichkeiten sehen
Seit 2019 kooperiert der KSW jetzt mit der WiKi. Einrichtungsleiterin Stephanie Wilts will in diesem Jahr noch den SUP-Instruktor-Schein absolvieren. „Wir machen gerne extravagante Sachen wie z.B. Drachenbootrennen“, erklärt Wilts. „Man darf einfach nicht die Defizite der Kinder, sondern die Möglichkeiten sehen“, erklärt sie, wobei meistens nicht die Kinder die große Herausforderung sind, sondern deren Eltern, findet sie. „Wir müssen sie überzeugen, die Kinder nicht in Watte einzupacken“, sagt Wilts und weiß, dass gerade Wassersport ein heikles Thema ist. „Wir sind jetzt schon dabei Wasser- und Boardgewöhnung mit den Kindern in Altengroden zu machen“, erklärt sie, bevor es im Mai zum ersten Mal raus auf den Banter See gehen soll. Das Projekt wird wohlwollend von der Wilhelmshavener Touristik und Freizeit GmbH beobachtet. Inklusionssport soll als touristisches Angebot gefördert werden. „Da kommen wir gerade recht“, sagt Ehlers und lacht.
Schon 2019 hat er bei einem Para-Sport-Event in Hannover seine Idee vom Rollstuhl auf dem Stand Up-Paddling-Board präsentiert – skeptisch von Trainern und Vereinsverantwortlichen beäugt. „Keiner hat sich da zunächst drauf getraut, da musste ich das demonstrieren“, erinnert sich Ehlers zurück. „Anschließend standen sie Schlange bei uns.“ Was der Schortenser da noch nicht wusste: Auch der Kanu-Trainer der deutschen Special Olympics Mannschaft gehörte zu den Zaungästen. „Abends kam er dann zu mir und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dass SUP olympisch wird.“ Ehlers konnte.
Schon 2023 wollen sie mit einer Mannschaft bei den Special Olympics World Games in Berlin dabei sein. Bis dahin soll der KSW am Banter See zum Inklusionsstandort des Deutschen Kanusportverbands Niedersachsen ausgebaut werden. „Wir haben hier ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland und Stand-Up-Paddling ist eine total sichere Sache. Menschen mit allen Arten von Behinderungen können mitmachen“, sagt Ehlers überzeugt davon, vielen von ihnen einen Werdersee-Moment schenken zu können.
Stehpaddeln im Rollstuhl
Stand Up-Paddling auch Stehpaddeln genannt, ist eine Wassersportart, bei der ein Sportler aufrecht auf einem schwimmfähigen Board (SUP-Board) steht und mit einem Stechpaddel paddelt. SUP ist als Freizeitsport ebenso wie als Wettkampfsport verbreitet.
Special Olympics ist die weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung. Sie ist vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) offiziell anerkannt und darf als einzige Organisation den Ausdruck „Olympics“ weltweit nutzen. Durch Special Olympics soll mit dem Mittel Sport die Akzeptanz von Menschen mit geistiger Behinderung in der Gesellschaft verbessert werden. Sie unterscheiden sich von den Paralympics dadurch, dass bei den Paralympics Menschen mit Körperbehinderung teilnehmen.
