Wilhelmshaven - Die Szene könnte auch im Miniatur-Wunderland in Hamburg spielen: Sechs Menschen stehen um Boule-Kugeln herum, analysieren die Szene. Wer liegt näher am „Schweinchen“, der kleinen roten Kugel? Eine Bank zum Ausruhen für die doch eher ältere Runde steht in unmittelbarer Nähe der Petanque-Idylle.
Die Miniatur ist aber deutlich kleiner als das große hanseatische Wunderland. Sie befindet sich in einer Art Schneekugel, die der Berliner Jens Franke als Geburtstagsgeschenk für seinen Vater Günter gebastelt hat.
Der ist heute 89 Jahre alt, hat von Kindesbeinen an Sport getrieben, spielt seit 40 Jahren Boule – und gehört einer Gruppe an, die sich jeden Montag um 10 Uhr auf dem Petanqueplatz beim WSSV im Sportforum trifft. Zuletzt haperte es bei dem „gebürtigen Rüstringer“, der an der Roonstraße (heute Rheinstraße) aufwuchs, Rollator bedingt zwar etwas an der Beweglichkeit, grundsätzlich aber ist der „harte Kern“ (Franke) auch hartgesotten. „Je oller, je doller? Wir haben auch schon Schnee weggeschoben und dann gespielt. Aber so schlimm sind wir ansonsten gar nicht. Wenn mal etwas nicht klappt, ist keiner böse. Wir sind tolerante Individualisten. Und wir freuen uns natürlich, wenn mal jemand bei uns vorbeischaut und mitspielen möchte.“
Bevor Günther Franke den 2001 beim WSSV errichteten Bouleplatz in Beschlag nahm, bestimmten andere Dinge das sportliche Leben des gelernten Maschinenschlossers, der nach einem sich anschließenden Maschinenbau-Studium bei Krupp-Ardelt arbeitete. Franke war in seiner Jugend Leichtathlet bei Germania, und wenn Neuzeitler seinen Episoden vom Stabhochsprungtraining an der Schellingstraße lauschen, dann erscheint es nicht unbedingt zwangsläufig, dass sich noch eine Boule-Karriere anschloss. „Mit einem Besenstil habe ich meine ersten Versuche unternommen. Schwedenstahl kam später. Und natürlich sind wir in einer Sandgrube gelandet.“
Zum Petanque fand der Wilhelmshavener an der Ruscherei, wo seine Frau Magda zwölf Jahre lang die Gastronomie leitete. Der ehemalige Stadtbaurat (und regelmäßige Frankreich-Urlauber) Ingo Sommer brachte den Sport nach Wilhelmshaven.. Franke: „Anfangs haben einige lächelnd daneben gestanden und das Ganze als Kinderkram abgetan. Aber mir hat das sofort gefallen. Und alle waren sich einig: Wir müssen einen Verein gründen.“
Daraus wurde der PC Ruscherei mit Werner Drewes als Vorsitzendem; die Plätze dort wurden im Mai 1986 eingeweiht. Es folgten Turniere, Meisterschaften und ein reger Austausch mit Wilhelmshavens Partnerstadt Vichy.
Weil sich irgendwann aber Streitigkeiten einstellten und ein Teil der Mitglieder an die Maadebrücke weiterzog, fühlte sich Franke dort nicht mehr richtig wohl. Da traf es sich gut, dass beim WSSV eine Gymnastik-Gruppe von Sieglinde Rietschel Ende der 1990er-Jahre sportliche Ablenkung im Rentnerdasein bot. Beim Rest kam zusammen, was zusammengehört: der Verein errichtete einen Petanque-Platz, und Rietschel forderte dank der ihr eigenen Überzeugungskraft „den Boule-Papst“ auf, der Gymnastik-Gruppe den Sport näherzubringen. „Und das lief gut an“, erinnert sich Franke. Und der aktuelle harte Kern hatte seinen sanften Einstieg.
Natürlich wurden auf der WSSV-Anlage im Anschluss – genauer von 2004 bis 2018 – immer wieder Turniere ausgerichtet. Organisator Günter Franke hat darüber akribisch Buch geführt. Deshalb weiß der 89-Jährige auch, wer 2004 das erste Turnier gewonnen hat. „Ich mag es gar nicht sagen: Ich.“
