Wilhelmshaven - Die verrückte Handball-Saison 2020/21 geht auf die Zielgerade und noch hat Zweitligist Wilhelmshavener HV alle Chancen, den angestrebten Klassenerhalt aus eigener Kraft zu realisieren. Bedenkt man alle Unwägbarkeiten, die den Jadestädtern in den vergangenen Wochen und Monaten Kopfzerbrechen bereitet haben, grenzt allein diese Tatsache schon an ein Wunder.

Die Ausgangsposition ist klar: Im Heimspiel gegen den Ligaachten TV Großwallstadt (Anwurf 19.30 Uhr, live auf sportdeutschland.tv) zählt für den WHV nur ein Sieg, um die Chancen auf den Ligaverbleib vor dem Saisonfinale am kommenden Samstag in Aue weiter am Leben zu halten.

Abzüglich der vier Punkte liegen die „Köhrmänner“ gleichauf mit der Konkurrenz aus Konstanz (beide 21 Pluspunkte), der Rückstand auf den TV Emsdetten (22) beträgt einen Zähler. Beide Teams muss der WHV am Ende hinter sich lassen. Vorteil für die Jadestädter: Bei Punktgleichheit zählt der direkte Vergleich – und hier hat der WHV sowohl gegen Konstanz (33:32/ 29:28) als auch gegen Emsdetten (28:23/35:35) jeweils die Nase vorn.

Normalerweise beginnen die beiden letzten Spieltage einer Saison stets zeitgleich. In der Corona-Spielzeit 2020/21 ist aber vieles anders: So steigt das Gastspiel der HSG Konstanz beim VfL Gummersbach bereits um 18 Uhr – die Partie Emsdetten gegen Absteiger Fürstenfeldbruck wird um 19 Uhr angepfiffen.

Ob es nun ein Vor- oder Nachteil für die Jadestädter sein wird, die Ergebnisse der Konkurrenz schon vor Abpfiff des eigenen Spiels zu kennen, bleibt dahingestellt. Trainer Christian Köhrmann vertritt jedenfalls eine klare Meinung dazu: „Solange unser Spiel läuft, interessiert mich nichts anderes. Wir haben 60 Minuten Zeit, um den TV Großwallstadt zu besiegen – eine riesige Herausforderung für meine Mannschaft. Mit dem Rest beschäftigen wir uns erst nach dem Abpfiff.“

Definitiv fehlen werden die verletzten Evgeny Vorontsov, Kuno Schauer und Duncan Postel – für dieses Trio ist die Saison bereits beendet. Gleiches gilt für Paul Hein, der sein Spiele-Kontingent als Amateur bereits aufgebraucht hat und dadurch ebenfalls zum Zuschauen verdammt ist. Die Liste der stark angeschlagenen Akteure führen Bartosz Konitz, Rene Drechsler und Oliver Köhrmann an. Wasserstandsmeldungen zu diesen Personalien gab es vom Trainer gestern nicht.

Am Dienstag in Ferndorf verzichtete Christian Köhrmann auf seinen Bruder sowie auf Konitz. Drechsler stand 40 Minuten auf der Platte, spielte in Hälfte zwei aber ausschließlich im Angriff. Diese Strategie, die angeschlagenen Leistungsträger zu schonen, soll sich heute Abend auszahlen. Köhrmann: „Wir brauchen jeden Spieler, das ist klar. Bei Olli sieht es nicht gut aus. Aber die anderen Jungs werden alles geben, um gegen Großwallstadt so lange wie möglich dabei zu sein.“

Lange dabei war der WHV auch im Hinspiel: Nach 43 Minuten traf Schauer zum zwischenzeitlichen 19:22 aus Sicht der Jadestädter – zehn Minuten später war der Drops aber beim deutlichen 23:33-Rücktand vorzeitig gelutscht. Am Ende hieß es 27:36. „Wir haben in der entscheidenden Phase einfach zu viele Fehler gemacht“, erinnert sich der WHV-Coach. „Dadurch hat uns der Gegner einfach überrannt.“

Stichwort Gegner: Der TV Großwallstadt ist die drittbeste Auswärtsmannschaft der Liga. Die Unterfranken verloren nur vier ihrer 16 Auswärtsspiele (Dessau, Konstanz, Rimpar und Lübbecke – bei fünf Unentschieden) und gewannen unter anderem in Hamburg und in Gummersbach. Und dass die Mannschaft von Trainer Ralf Bader immer noch Lust auf Handball hat, bewies sie erst am Mittwoch beim 33:23-Kantersieg in Eisenach. Der TVG ist seit fünf Spielen ungeschlagen. „Großwallstadt hat in Eisenach ein ganz starkes Spiel gemacht“, sagt Köhrmann nach der Video-Analyse. „Guter Torwart, sehr kompakt in der Abwehr und mit viel Power vorne.“

Leistungsträger im Team der Bergischen sind Torhüter Jan Steffen Redwitz (Nr. 4 der Liga mit rund 30 % abgewehrter Würfe) sowie die Top-Torschützen Savvas Savvas (halblinks, 161/14 Tore) und Tom Jansen (halbrechts/ 129 Feldtore). Köhrmann: „Hinzu kommen Spielmacher Mario Stark und Linksaußen Florian Eisenträger, die schon zu Erstligazeiten für den TVG gespielt haben. Das ist eine richtig gute Truppe.“

Und genau die muss der WHV schlagen. Aber wie? „Es muss einfach alles passen“, sagt Köhrmann. „Wir brauchen eine starke Torhüterleistung, eine gute Abwehr und viel Konzentration im Angriff. Vielleicht machen ja die Zuschauer am Ende den Unterschied aus. Wichtig ist, dass die Jungs permanent unterstützt werden, auch wenn wir mal hinten liegen. Dass wir Rückstände aufholen und Spiele gewinnen können, haben wir oft genug gezeigt.“

Bleibt noch die Frage, ob der Trainer selbst das Trikot überstreifen wird, um auf der Rückraum Mitte zumindest zeitweise für Entlastung zu sorgen. „Wir müssen abwarten, wie das Spiel läuft“, sagt der Coach – ohne damit die Frage konkret zu beantworten. „Lasst euch überraschen.“ Eine Spielberechtigung für Christian Köhrmann liegt auf jeden Fall vor.“

Carsten Conrads
Carsten Conrads Sportredaktion