Wittmund - Der „Masterplan Inklusion“ hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen am Sport in Niedersachsen teilhaben zu lassen. Ein auf vier Jahre ausgelegter Plan soll Grundlagen schaffen, auf denen Sportbünde und -vereine aufbauen können. Verantwortlich dafür zeichnen der Landessportbund Niedersachsen (LSB), der Behinderten-Sportverband Niedersachsen (BSN), der Gehörlosen-Sportverband Niedersachsen (GSN) und die Special Olympics Niedersachsen (SO NDS).

„Er ist sehr umfangreich, sehr ambitioniert und beinhaltet sehr viel Arbeit“, fasst Alfred Helmers (kleines Foto), Vorsitzender des Kreissportbundes (KSB) Wittmund, das Projekt zusammen. „Er ist jetzt in einer Phase auf den Weg gebracht worden, wo die Menschen mit allem Möglichen beschäftigt sind – aber nicht mit Inklusion. Vor allem die Vereine: Die beschäftigen sich mit der Frage, wie sie alles wieder aufmachen können und wie alles laufen kann“, kritisiert er. Eine Verlängerung des Projektes um ein, wenn nicht sogar zwei Jahre, scheint ihm unausweichlich.

Aber auch darüber hinaus werde es seiner Meinung nach sehr schwierig, die vielen Punkte unten an der Basis umzusetzen. „So wie der Plan aufgebaut ist, möchte man jeden mitnehmen – aber der Weg ist einfach wahnsinnig weit“, sagt Helmers und ergänzt seine Bedenken: „Ja, es ist wichtig und gut, dass alle mitgenommen werden. Aber das darf nicht dazu führen, dass andere vergessen werden.“

Gute Beispiele für gelungene Inklusion im Harlingerland hat der KSB-Vorsitzende gleich mehrere parat. „Beim BSC Burhafe gab es vor Jahren schon eine junge Fußballerin mit Handicap. Die war Jahre lang Torschützenkönigin. Das hat gut funktioniert. Oder in Neuschoo gab es einen Jungen mit Downsyndrom, der war beim Hallenboßeln immer mit dabei“, berichtet er. Allerdings haben beide Beispiele nur bis zu einem bestimmten Alter gut funktioniert. „Irgendwann geht das nicht mehr. Ab einem bestimmten Alter werden die Abstände zu groß und die Kinder werden anders.“ Gerade der Sprung vom Kindergarten- zum Schulalter sei oft schon ein solcher Wendepunkt. „Ein inklusiver Kindergarten funktioniert – bei der Schule wird es dann schon schwieriger“, beschreibt Helmers.

Auch die Art und Weise des Sporttreibens könne Schwierigkeiten bei der Inklusion mit sich bringen. „Irgendwo im Mutter-Kind-Turnen ist das sicherlich kein Thema. Aber wenn es beim Fußball oder Handball in die erste Mannschaft geht, wird es wohl schwierig werden. Da muss sich ein Verein gegebenenfalls entscheiden: Entweder, ich nehme alle mit, oder ich will in der Liga oben mitspielen“, findet Helmers klare Worte. Diese stammen keinesfalls aus einer Abneigung gegenüber der Inklusion, sondern aus seiner realistischen Betrachtung der Sportlandschaft und seiner Erfahrungen.

Er will seinen Vereinen im KSB Wittmund den Willen zur Inklusion auch nicht absprechen: „Ich kenne keinen, der Nein sagen würde.“ Möglicherweise gebe es einzelne Übungsleiter, die sich einer solchen Aufgabe nicht gewachsen fühlten, aber auch da müsse man Verständnis haben. „Nicht jeder kann alles, und das muss auch nicht“, sagt Alfred Helmers.

Sein Kreissportbund steht den Vereinen jederzeit beratend zur Seite – natürlich im Rahmen seiner Möglichkeiten. „Unser KSB besteht nur aus acht Leuten, da kann man nicht für jedes Thema einen eigenen Mitarbeiter haben“, stellt er klar. Dennoch versucht er stets auf der Höhe zu bleiben. Seit 2018 verfolgt er das Wirken des Arbeitskreises Inklusion im Landkreis Wittmund. Er bedauert allerdings, dass die Intentionen dort wesentlich in Richtung Schule gingen, und der Sport dort kaum Thema wäre. „Wir versuchen, den Sport über den Schulsport einzubringen“, sagt er, und meint mit „wir“ sich und Jenny Hähnel. Sie ist Sportreferentin der Sportbünde Friesland, Wilhelmshaven und Wittmund und diejenige, die in Inklusionsfragen Auskunft geben kann. Alfred Helmers sagt ehrlich über sich: „Ich persönlich bin sicherlich nicht so gut im Thema. Ich müsste auch nachfragen. Aber das Angebot zur Unterstützung ist da und ansonsten holen wir uns Fachleute dazu.“

Gerade in Sachen finanzielle Unterstützung sei man sowieso auf die Unterstützung von Fachverbänden angewiesen, weil die Regularien einem stetigen Wandel unterlägen. Viele Nachfragen erreichen den KSB allerdings nicht. „Wer sich mit dem Thema Sport beschäftigt, hat in der Regel sein eigenes Netzwerk“, vermutet Alfred Helmers. Das bestätigt, dass der Weg zu einer flächendeckenden Inklusion noch weit und mit sehr viel Arbeit verbunden ist.

Kathrin Kraft
Kathrin Kraft Sportredaktion, Jeversches Wochenblatt, Wilhelmshavener Zeitung