CLOPPENBURG - Erhöhte Dioxin-Werte in Eiern, 53 Tote durch die Ehec-Krise: Das Vertrauen der Verbraucher in die Ernährungswirtschaft wird ständig auf eine harte Probe gestellt, und der zunehmende Vertrauensverlust hat sich zum größten Problem der Branche entwickelt. Das wurde kürzlich auf einer Veranstaltung des Niedersächsischen Kompetenzzentrums Ernährungswirtschaft (NieKE) in Cloppenburg deutlich.
Omas Bauernhof
Bei richtig großen Krisen steht immer wieder das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) in Oldenburg mit seinen Prüflaboren im Fokus der Öffentlichkeit. Präsident Prof. Dr. Eberhard Haunhorst beklagte in Cloppenburg, dass die Zusammenarbeit zwischen den Behörden, vor allem was die Kommunikation betrifft, in der Vergangenheit nicht immer optimal war. Da wurden in der Öffentlichkeit gern auch mal gegenseitige Schuldzuweisungen vorgenommen. „Ich würde mir in Krisensituationen eine einheitliche Kommunikation wünschen“, sagt Haunhorst.
Eine verfehlte Selbstdarstellung der Ernährungswirtschaft prangerte der Krisenmanager und Honorar-Professor an der TU Braunschweig, Prof. Dr. Ulrich Nöhle, an. Die Lebensmittelherstellung werde immer noch wie auf „Omas Bauernhof“ dargestellt; dabei sei sie längst eine High-Tech-Veranstaltung. Er kritisierte aber auch die Verbraucher, denen er eine doppelte Moral vorwarf. „Der Verbraucher will Bio, aber kauft Billigware beim Discounter; er beschwert sich über Massentierhaltung und kauft das Brathähnchen für 2,99 Euro. Alle wollen zurück zur Natur – nur nicht zu Fuß“, so Nöhles Erkenntnis.
Wenn die Industrie immer wieder kommuniziere, „es ist alles wie bei Oma“, provoziere sie geradezu negative Reaktionen der Verbraucher, wenn der sieht, es ist nicht so. Lebensmittelproduktion sei ein hoch technisierter Ablauf wie in der Auto- oder der Flugzeugindustrie. Diese Wahrheit müsse man dem Verbraucher auch sagen. „Keiner käme auf die Idee, einen Flug mit dem Super-Airbus A 380 als romantische Reise mit einem Doppeldecker-Flieger zu bewerben“, erklärt Nöhle.
Vertrauen aufbauen
Die Ernährungswirtschaft müsse die Vorteile der Industrialisierung herausstellen und nicht die Lebensmittelherstellung idyllisieren. Nöhle geht sogar soweit, dem Verbraucher ganz klar zu machen: Wer Fleisch essen will, für den müssen Tiere getötet werden. Und ihm muss auch gezeigt werden, wie das heute in den Schlachthöfen geschieht.
Ernährungsunternehmen, die sich für Krisen besser wappnen wollen, müssen Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Reputation aufbauen. Das war der Rat von Dr. Wolfgang Griepentrop auf der NieKE-Veranstaltung. Damit könne man Krisen nicht vermeiden, aber sich widerstandsfähiger machen, sagt der Kommunikationsberater. Zu dieser Strategie gehörten die Kommunikation von Werten und Haltungen sowie der ständige Dialog mit den Verbrauchern über alle Kommunikationskanäle – von gedruckten Medien bis hin zu den Sozialen Medien wie Facebook. Hierfür müsse in den Unternehmen aber auch die kommunikative Infrastruktur geschaffen werden, auch wenn das Geld koste, forderte Griepentrop. Es sei besser, Geld zu verlieren als Vertrauen, zitierte er den Industriellen Robert Bosch.
