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NWZonline.de Region

Lutherschwäne als Wetterfahnen

18.11.2006

Sie gehören zu den Besonderheiten dieser Landschaft im Nordwesten Niedersachsens. Nirgendwo sonst treten sie so gehäuft auf: die Schwäne, die als Wetterfahnen auf zahlreichen Kirchen zwischen Ems und Jade ihren Dienst tun. Bis auf eine Ausnahme handelt es sich um lutherische Kirchen, von deren Türmen oder Dächern sie ins Land grüßen. Zusammen mit den beiden „Vorposten“ auf der St. Petri-Kirche in Westerstede und St. Elisabeth-Kirche in

Hude wurden 87 solcher Schwäne gezählt, davon 82 auf Kirchen und fünf auf Schulen. Das Verbreitungsgebiet der Lutherschwäne setzt sich bis in die Niederlande fort. Hier tragen 35 Kirchen dieses Zeichen, die „Lutherse Kerk“ in Den Haag sogar deren vier (F. Goethe 1996).

Der Schwan als Symbol Luthers und der lutherischen Kirche geht auf eine Legende zurück, die sich an den Märtyrertod des tschechischen Vorreformators Jan Hus knüpft. Hus wurde 1415 auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer verbrannt. Als man ihn zum Scheiterhaufen führte, soll er sinngemäß gesagt haben: „Heute verbrennen sie nur eine arme Gans (tschech. husa = Gans). Doch in hundert Jahren kommt ein Schwan, der stärker ist, dem sie nichts anhaben können.“

Das prophetische Wort schien sich zu erfüllen, als 1517 Martin Luther auf den Plan trat. Mehrfach deutete der Reformator in späteren Jahren die Weissagung auf seine eigene Person. Er sei der von Hus angekündigte Schwan, den man nicht werde unterdrücken können. Besonders seine Ausführungen über den Schwan als Sinnbild der Kirche trugen dazu bei, dass dieser Vogel immer mehr zum Luthersymbol wurde.

Anlässlich des 450. Todestages Martin Luthers zeigte die Lutherhalle in Wittenberg 1996 eine Sonderausstellung zur bildlichen Verehrung des Reformators. Dabei fand das Motiv „Luther mit dem Schwan“ besondere Berücksichtigung. Das Spektrum der Exponate reichte von Gemälden über Skulpturen, Graphiken, Medaillen, Münzen und Fayencen bis zum schmiedeeisernen Wetterschwan aus Bingum im Landkreis Leer, wo er bis 1960 auf der luth. Kirche die Windrichtung angezeigt hatte. „Luther mit dem Schwan“ ist keinesfalls nur eine Randerscheinung der künstlerischen Lutherverehrung, sondern ... als eines der bildlichen Hauptmotive der Verehrung des Reformators zu werten. Es muss als formales Bindeglied zwischen den ganzfigurigen Cranachschen Darstellungen und den Lutherdenkmalen des 19. Jahrhunderts angesehen werden. Der Schwan wurde durch die große Anzahl von Bildwerken und seine vielfältige Verwendung zum allgemein bekannten Kennzeichen – zum „Attribut Luthers“ (J. Strehle 1996).

Unter dem Titel „Schwäne statt Hähne – und manchmal auch ein Schiff“ erinnert H. Klöver (1999) daran, dass in Ostfriesland seit der Reformation das lutherische und das reformierte Glaubensbekenntnis dominieren, wobei der Osten stärker lutherisch und der Westen eher reformiert geprägt ist. Der Wetterhahn – seltener ein Schiff – sei hierzulande das augenfällige Emblem reformierter Gemeinden, der Wetterschwan das der lutherischen. J. Lokers (1997) sieht in diesen Windfahnen mehr als nur Zeichen der konfessionellen Zugehörigkeit. Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Spannungen und Streitigkeiten im Verhältnis von Lutheranern und Reformierten in Ostfriesland seien sie als „Marken- und Trutzzeichen“ zu verstehen, mit deren Hilfe der Streit um die vermeintlich berechtigte Vormachtstellung der jeweils eigenen Glaubensrichtung auch optisch ausgetragen wurde: Die Abgrenzungsbemühungen waren um so schärfer, je glaubensverwandter und näher man sich der anderen (protestantischen)

Partei wusste.

Der Lutherschwan, ganz allgemein das Symbol der Verehrung des Reformators, war als Wetterfahne zum weithin sichtbaren Wahrzeichen der Vormacht bzw. der Abgrenzung geworden. Heute dokumentieren die metallenen Schwäne, von denen die meisten aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammen, ein Kapitel regionaler Kirchengeschichte. Nach wie vor aber halten sie die Erinnerung an Leben und Werk eines großen Mannes wach.

Die Frage, warum der Schwan als Wetterfahne mit wenigen Ausnahmen auf den Nordwesten Niedersachsens und die Niederlande beschränkt blieb, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Vielleicht boten gerade diese Regionen mit ihren einst regelmäßig von Überschwemmungen heimgesuchten Niederungen (z. B. das Leda-Jümme-Gebiet) Schwänen aus dem Norden Europas ein willkommenes Winterquartier. Waren die imposanten

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