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Kommentar Von „mann, Kinners“ Kein Karneval im Kindergarten – kein Ding

Oldenburg - Es könnten einfach nur weitere triste Februartage sein, die – außerhalb von Ganderkesee und Damme – niemanden im Nordwesten spürbar in Erregung versetzen. Hunderttausende Menschen gehen in der Karnevalszeit ihrem alltäglichen Treiben nach. Wer zudem kein lineares Fernsehen mehr konsumiert, an dem könnte die „Fünfte Jahreszeit“ komplett vorüberziehen.

Anders ist dies in zwei Personengruppen unserer Gesellschaft: Wutbürger und Eltern. Die ersteren haben sich vermutlich seit 50 Jahren nicht mehr verkleidet oder geschminkt – doch wenn die „links-grün-versifften Gutmenschen“ ihnen die traditionelle Verkleidung als „Neger im Bastrock“ nehmen wollen, dann steigt der Puls auf 180. Letztere müssen sich aus dem einfachen Grund mit Fasching und Co. beschäftigen, dass ihre Kinder sich einfach gerne verkleiden und in Kindergarten und Schule das Fest noch als Hochamt gilt.

Keine Karnevalsparty im Kindergarten

Zumindest bisher: Denn in den vergangenen Wochen machten Schlagzeilen die Runde, dass eine Kindertagesstätte in Cappeln (Kreis Cloppenburg) keine Karnevalsfeier ausrichten würde – aus Rücksicht auf die jüngeren Kinder. Hat sich was mit Hochamt, zudem noch in einer katholischen Einrichtung. Der Aufschrei unter den Eltern war groß, und so mancher Wutbürger – jetzt kommen sie wieder ins Spiel – dürfte lautstark den Verfall von Sitten, Moral und Tradition beklagt haben.

Und als Vater muss ich sagen: Mir kam die Entscheidung zunächst auch befremdlich vor. Meine Kinder lieben es, in andere Rollen zu schlüpfen, ich habe das auch geliebt und ich kann mich an wenig traurige Gesichter auf alten Karnevalsfotos meiner Kindheit erinnern. In unserem Flur zu Hause steht eine große Verkleidungskiste, die aus meinen Kindern regelmäßig Polizisten, Feuerwehrleute, Robin Hood oder Piraten macht – zu jeder Jahreszeit.

Immerhin durften sich die Kinder in Cappeln verkleiden, nicht aber schminken. Und das ist auch der Punkt, den ein Psychologe im Gespräch mit der NWZ hervorhebt: Dreijährige – und um die geht es hier – könnten Menschen schon bei kleinsten Veränderungen, besonders im Gesicht, schwerer wiedererkennen. Wenn eine ganze Horde von verkleideten und geschminkten Kindern und Erzieherinnen auf sie einströmt, dann könne das zu großem Stress führen.

Warum Verkleiden nicht immer lustig ist

Nachdem ich das Gespräch gelesen hatte, schossen mir andere Gedanken in den Kopf: Wie ich als Sechsjähriger (!) anfing zu weinen, weil sich mein Vater, ohne mich vorzuwarnen, den Schnäuzer abrasiert hatte. Wie mein Sohn als Anderthalbjähriger in einer Mischung aus Vergnügtheit und Unsicherheit vor dem Spiegel stand, weil er einen Clownshut auf dem Kopf und drei bunte Punkte im Gesicht hatte. Dazu kamen die Erinnerungen an die vielen Tränen, die beide Kinder als Dreijährige zu Beginn ihrer Kindergartenzeit vergossen haben, weil sie sich in der komplett neuen Umgebung nicht wohlfühlten.

Kinder lieben es, sich zu verkleiden. Daran erinnern wir uns alle. Doch es gab eine Zeit in unser aller Leben, an die wir uns nicht erinnern können und in der wir besonderen Schutz benötigen: Daher habe ich nicht nur Verständnis für die Entscheidung des Kindergartens, sondern finde sie sogar sehr mutig. Immerhin ist es ja seine Aufgabe, das Beste für die Kinder zu machen – und nicht für die verwaschenen Erinnerungen der Erwachsenen an ihre eigene Kindheit. Wenn Eltern in dieser Frage zu Wutbürgern werden, dürfen sie ihren Kindern gerne zu Hause eine private Karnevalsfeier verpassen.

Dies ist ein Beitrag von „Mann, Kinners!“, dem Väterblog auf NWZonline.de

Christian Schwarz
Christian Schwarz Online-Redaktion
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