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NWZonline.de Mann, Kinners!

„Gib her, ich ess’ das noch“: Das Ernährungstagebuch des Grauens

24.07.2019

Oldenburg Es gibt ja Erziehungsdetails der eigenen Eltern, die durchaus Jahrzehnte später bei den eigenen Kinder noch Anwendung finden: Dass man „bitte“ und „danke“ sagt zum Beispiel oder dass der Finger nicht in die Nase und das anschließend daran Klebende nicht ans Sofakissen gehört (letzterer Punkt wird hoffentlich niemals als altmodische Erziehungsmethode gelten).

Anderes aus dem Repertoire der früheren Generationen ist (zumindest bei uns) nicht mehr im Programm, so etwa das respektvolle Siezen des Herrn Vater (obwohl...?) oder der Zwang, auf Teufel komm’ raus den Teller leer essen zu müssen. Wie sich herausgestellt hat, scheint nämlich die Sonne am nächsten Tag durchaus auch dann, wenn noch Reste auf dem Porzellanrund verblieben sind (jedenfalls manchmal).

Leider kollidiert diese Erziehungsvorstellung von mir und der besten Mama von allen mit einer Einstellung meinerseits, die per Erbschaft doch den Weg aus der Nachkriegsgeneration bis in die Tiefe meines unfreien Willens gefunden hat. Nicht ausradierbar ist dort das Leitmotiv festgeschrieben: „Schmeiß das nicht weg, ich ess’ das noch.“

Wie schon mein Vater, sein Vater und vermutlich auch dessen Vater empfinde ich es als meine ureigenste Aufgabe als Papa, Essenreste auf Kindertellern, die in ihrer Mickrigkeit (oder Angelutschtheit) nicht mehr nach Aufbewahrung durch die Tupperwaren-Armee schreien, mir einzuverleiben. Selbstverständlich führt dieses instinktive Verhalte keinesfalls dazu, dass ich mir von vornherein weniger auf meinen eigenen Teller portioniere. Weit gefehlt. Viel zu groß ist die Sorge, dass die Kleinen plötzlich doch ihre komplette Mahlzeit bis zum letzten Bissen vertilgen. Und wer stünde dann mit langem Gesicht und Magen in den Knien da? Genau!

Um dem Unwissenden einen Überblick zu verschaffen, welche Mühen hinter dieser so simplen Resteverzehraufgabe stecken, habe ich eine Urlaubswoche, in der ich also alle Mahlzeiten mit der Familie teilte, zum Anlass genommen, um zu protokollieren, was zuzüglich auf meinem Speiseplan landet. Das kulinarische Tagebuch des Grauens ist im Folgenden nachzulesen.

Montag

Lecker Leberwurstbrot

Frühstück: angebissene Reste eines Leberwurstbrots. Da der Kleine bevorzugt nur die Leberwurst mit den Fingern abkratzt und dann abschleckt, ist die Konsistenz nah an der Grenze des Zumutbaren.

Mittagessen: Spaghettireste, zum Teil bereits mundgerecht klein geschnitten, zum Teil flächendeckend über den Tisch verteilt

Das war mal ein Pfannkuchen.

Abendessen: einige Pfannkuchen von gestern als Abendbrot. Der Anblick zeigt: Der Kampf zwischen Kind und Gebäck endete mit klarem technischen K.o. aufseiten der Mehlspeise.

Dienstag

Die Cornflakes sind nicht mehr bissfest.

Frühstück: Jeder Morgen ist ein Gewinn, wenn er mit Cornflakes beginnt, die bereits eine halbe Stunden in der Milch durchweicht wurden. Dazu ein halbes Marmeladenbrot, einmal angebissen.

Mittagessen: eine Handvoll Nudeln (das Wort Hand ist bei den Tischmanieren des Kleinen bewusst gewählt)

Nachmittag: Meine Strategie geht auf. Bestelle aus Kostengründen nur ein Stück Käsekuchen für mich und den Großen. Nach drei Bissen legt er die Gabel zur Seite. Rest für mich. Jackpot!

Abendessen: die üblichen Brotreste (vor allem Rinde)

Mittwoch

Frühstück: eine Schale Cornflakes, diesmal halbwegs vor der Verweichlichung gerettet.

Mittagessen: Der Knochen der Hähnchenkeule ist weit davon entfernt, meinen Vorstellungen entsprechend vom Fleisch befreit worden zu sein. Da muss ich nacharbeiten. Dazu gibt es ein Schälchen Salat.

Abendessen: Erfreulicherweise lässt der Nachwuchs mal nichts übrig. Aber: Irgendwas fehlt.

Donnerstag

Frühstück: Lediglich ein halbes gekochtes Ei verbleibt auf dem Teller. Keine Herausforderung.

Es ist noch Braten da.

Mittagessen: Da passt man einen Moment nicht auf, und schon räumt Oma, mit der wir den Urlaub verbringen, plötzlich den Resteteller des Großen weg. Und dabei gab es Braten! Skandal! Das Glück kommt später: Der Kleine hatte das Mittagessen verschlafen. Seinen zurückgelegten Teller isst er natürlich nicht auf. Läuft bei mir!

Nachmittag: Enttäuschung im Café – seine Waffelreste, bestimmt der Große, seien für seine Tante reserviert, die wir später treffen werden. Fassungslos muss ich mit ansehen, wie sie und ihr Nachwuchs die Süßspeise verzehren. Gut, dass bald Abendbrot ist.

Abendessen: ein halber Teller Tomatensuppe. Waffel wäre mir lieber gewesen.

Freitag

Frühstück: Der Nachwuchs ist hungrig, keine besonderen Überreste.

Mittagessen: Auf dem Teller verbleiben einige Stücke Fischstäbchen und Gemüse-Kleinkram mit Ketchup – wobei unklar ist, was davon sich zwischenzeitlich bereits in einem Mund befunden hat. Seinen Nachtisch verfüttert der Kleine direkt an mich. Braver Junge.

Hauptsache gesund.

Abendessen: Reste von Möhrensalat.

Samstag

Frühstück: Bei der frühen Mahlzeit bin ich inzwischen weitgehend auf mich selbst gestellt.

Mittagessen: Es gibt Gemüsesuppe mit Würstchen. Es blieben übrig: ein Teller mit Gemüse, ein Teller mit Würstchen. Zusammengelegt könnte man das fast wieder verkaufen.

Abendessen: Pommes bei McDoof, da rechne ich mir von vornherein keine Chancen aus.

Sonntag

Frühstück: Return of the halbes Marmeladenbrot, einmal angebissen.

Wie kann man das verschmähen?

Mittagessen: Spaghetti mit meiner selbst gemachten Bolognese-Sauce sind Weltklasse. Dass hier überhaupt etwas übrig bleibt, nehme ich persönlich. Umso intensiver kratze ich jeden Rest von den Kindertellern.

Abendessen: Endlich mal wieder Leberwurst mit Fingerabdrücken.

Allen Vätern in diesem Sinne: Guten Appetit!

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