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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Maritim

Die Welt aus den Augenwinkeln

25.02.2017

Im Hafen von Ajaccio, der Hauptstadt Korsikas: Auf der Brücke der „Mein Schiff 5“ bereitet sich die Crew auf die Abfahrt vor. Das Kreuzfahrtschiff mit seinen 15 Decks überragt den kleinen Hafen. Die Brücke ist die breiteste Stelle.

Doch Nils Karsten hat keine Zeit, den schönen Ausblick zu genießen. Wetterbericht checken, Radargeräte starten, Ruderanlagen testen – das sind nur einige seiner Aufgaben. „Das Schöne ist: Ich darf viel machen, habe aber noch keine Verantwortung“, sagt der 22-Jährige. Denn Karsten ist noch in der Ausbildung. Er besucht den Fachbereich Seefahrt der Jade-Hochschule in Elsfleth (Kreis Wesermarsch) und macht sein zweites Praxissemester. Sechs Monate ist er auf dem Schiff, vier davon werden ihm für das Studium angerechnet.

Weiße Uniform

Beworben hat er sich „aus Jux und Dollerei, ich hatte wenig Hoffnung. Kreuzfahrt ist schon sehr speziell, viele sitzen lieber im Trainingsanzug auf der Brücke eines Frachtschiffes“. Er hatte Glück und steckt nun in einer weißen Uniform, auf der Schulter ein Stern und ein Streifen, am Hosenbund ein Funkgerät und ein Telefon. Es klingelt. „Alle Busse rechtzeitig zurück.“ Die Landausflügler sind wieder an Bord, die Reise kann weitergehen. 2598 Gäste machen sich bereit für das Abendessen in einem der 13 Restaurants und Bistros.

Ein paar Tage später, morgens gegen 6 Uhr. Die „Mein Schiff 5“ nähert sich der Côte d’Azur. Jonas Jacobs aus Oldenburg ist seit einer halben Stunde im Dienst. Sein Arbeitsplatz heute: das Restaurant „Anckelmannplatz“ auf Deck 12. Kollegen tragen Wurst- und Käseplatten herein. Jacobs beschriftet, noch ein wenig müde, die Glasscheiben über dem Büfett mit den hausgemachten Säften: Melone, Orange, Limette …

Der 25-Jährige ist „Gastgeber Food & Beverages“, zuständig für Speisen und Getränke. Mit 16 hat der gebürtige Osternburger zum ersten Mal gekellnert, in der Tanzschule Lenard am Lappan, später dann im Restaurant
„Bestial“. Dann hat er „Urlaub studiert“, wie Freunde manchmal meinen, genauer: Tourismus-Wirtschaft.

„Ich wollte was sehen von der Welt.“ Und? Sieht er was? Ja, allerdings nur aus den Augenwinkeln. „Die Leute denken: Du machst Urlaub und kriegst Geld. Das mit dem Geld stimmt. Aber das kann sich keiner vorstellen, was es bedeutet: eine Sieben-Tage-Woche an Bord.“ Der Job? Super. Die Kollegen? Super.
Nur die Arbeitszeiten: entweder von 5.30 bis 10.30 Uhr oder von 11 bis 14.30 Uhr, dann wieder von 17 bis 23 Uhr. Sechs Monate lang. Jeden Tag.

Feierabend gegen 23 Uhr

Jacobs schaut auf die Uhr: „6.40 Uhr – wir sind echt gut heute.“ Ein letzter Kontrollblick aufs Büfett. Bei „Bananen“ zieht er noch einmal die weiße Schrift nach. Langsam nähert sich das Schiff einer Pier, im Halbdunkel zeichnen sich die Umrisse von Luxus-Yachten ab. „Ja, das ist Monaco.“ Schnell noch den Tisch eindecken für das Paar, das heute seinen 50. Hochzeitstag feiert. Und die Sekt-Gläser füllen. Punkt 7 Uhr: Die ersten Gäste kommen. Zeit für das eigene Frühstück. Jacobs speist in der Crew-Messe, wie die meisten der 1000 Besatzungsmitglieder.

Kurz nach 21 Uhr, Deck 12, neben dem 25-Meter-Pool: Jacobs steht inmitten von Obstbergen. Tagsüber war er kurz in Monaco, ein Blick ins Spielcasino, immerhin. Dann hat er sich beim Sport ausgepowert und ein bisschen ausgeruht.

Dann wieder Dienstbeginn, die Teatime-Schicht. Und nun das große Schoko-Büfett. Jacobs streift sich weiße Handschuhe über. Und lächelt. Vor ihm Dutzende von Passagieren. Gleich werden sie eine lange Schlange bilden und Obstspieße in dickflüssige Schokolade tauchen. Jacobs wird ihnen die Teller anreichen und ein paar nette Worte verlieren. Gegen 23 Uhr, so hofft er, hat er Feierabend.

„Das Mittelmeer war gut“, sagt Jacobs, „aber jetzt freue ich mich auf die Karibik“. Ein, zwei Jahre will er noch weitermachen. „Schiff ist nichts für immer.“

Auch Karsten freut sich auf vier ruhige Seetage ohne Fischerboote vor dem Bug. Auf der elektronischen Seekarte hat er die Transatlantikreise bereits vorbereitet. Im September endet sein Studium. Geht alles glatt, darf er sich danach „Nautischer Wachoffizier“ nennen. Und dann? Er weiß es noch nicht. „Derzeit kann man sich als deutscher Nautiker die Stelle nicht aussuchen.“

Große Flotte: Die „Mein Schiff 5“ wurde im Auftrag der Kreuzfahrtgesellschaft Tui Cruises in der finnischen Werft Meyer Turku Oy gebaut und im Juli 2016 von der Sängerin Lena Meyer-Landrut getauft. Unter der Leitung der Papenburger Meyer Werft entstehen in Turku auch die „Mein Schiff 6“ (2506 Passagiere), die im Juni 2017 in Dienst gestellt werden soll, sowie die Neubauten der „Mein Schiff 1“ (2894 Gäste) und „Mein Schiff 2“ (2900 Passagiere).

Großer Appetit: In einer Woche werden an Bord der „Mein Schiff 5“ etwa 11 450 Kilogramm Fleisch- und Wurstwaren verzehrt. Außerdem 6250 Kilo Fisch, 20 Kilo Kaviar und 32 000 Eier. Und dazu deutlich mehr Wein (7600 Liter) als Saft (4200 Liter). Nicht zu vergessen etwa 6000 Liter Bier, 2000 Liter Sekt sowie 280 Liter Champagner.

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