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NWZonline.de Nachrichten Wirtschaft Maritim

Schiffbau XXL an der Ostsee

24.04.2019

Rostock /Wismar Langsam schwebt das riesige Stahlteil Richtung Dock. In der Halle der Werft in Rostock-Warnemünde fügen Schiffbauer aus Einzel-Segmenten den Rumpf eines Kreuzfahrt-Giganten zusammen. Was in der Urlaubsregion an der Ostsee heranwächst, wird von den Eignern als Global Class beworben – ein Koloss der Superlative, der auf dem Weltmarkt Maßstäbe setzen soll.

Wenn das Schiff 2021 erstmals auf Reisen geht, soll es in der Liga der ganz Großen mitspielen. So lang wie drei Fußballfelder, zwanzig Decks hoch. Ein insgesamt größeres Passagierschiff wurde in Deutschland noch nicht gebaut: Wenn die Kabinen voll sind, finden nach Angaben der Werft bis zu 9500 Passagiere an Bord Platz. Dazu kommt eine Schiffsmannschaft von mehr als 2000 Menschen. Bei dieser Bettenzahl könnten die Einwohner der fränkischen Kleinstadt Rothenburg ob der Tauber zusammen auf Kreuzfahrt gehen. Doch der vom Schiffbauverbund MV Werften bebaute Gigant ist nicht für den heimischen Markt bestimmt. Auch in Fernost boomt insbesondere in China die Kreuzfahrtbranche. Sehr zur Freude des malaysischen Konzerns Genting, der mit dem Betreiben von Casinos viel Geld verdiente und mit der Übernahme renommierter US-Reedereien sein Engagement im Bereich der Passagierschifffahrt erweiterte.

„Die Menschen reisen gern und suchen Erlebnisse. Da ist noch viel Platz für Wachstum“, zeigte sich Konzern-Vorstandschef Tan Sri Lim Kok Thay schon vor drei Jahren sicher.

MADE IN GERMANY

Übersicht einiger Werften aus dem Nordwesten

Die Meyer Werft in Papenburg im Emsland ist vor allem durch den Bau großer, moderner Kreuzfahrtschiffe bekannt. Das Unternehmen beschäftigt 3450 Mitarbeiter und bildet 250 Azubis in neun verschiedenen Berufen aus.

Die Elsflether Werft steht zurzeit vor allem wegen des Verdachts von Unregelmäßigkeiten gegen die ehemalige Geschäftsführung und der schleppenden Generalüberholung des Segelschulschiffs „Gorch Fock“ in den Schlagzeilen. Die Kosten für die Wiederherstellung des Schiffes werden inzwischen statt auf anfangs zehn Millionen Euro auf rund 135 Millionen Euro geschätzt.

Die Fr. Lürssen Werft hat ihren Hauptsitz im Bremer Stadtteil Vegesack. Zur Firmengruppe gehören auch Niederlassungen u.a. in Wilhelmshaven, Lemwerder (Wesermarsch) sowie die Lürssen Logistics und die Peene-Werft in Wolgast.

Die Expansionspläne stießen damals allerdings an Grenzen, weil Genting nach eigenen Angaben keine Werft fand, die schnell große Schiffe bauen konnte. „Made in Germany“ sei auch in Asien ein Maßstab, sagt Werft-Chef Peter Fetten. Er nennt damit einen wohl entscheidenden Grund, weshalb Genting seine Aufträge nicht an eine der großen Werften in Fernost vergab, sondern gezielt in Deutschland suchte. Volle Auftragsbücher bei der Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg, die auf den Bau von Kreuzfahrtschiffen spezialisiert ist, verhießen lange Wartezeiten.

So machte Genting aus der Not eine Tugend: Der Konzern aus Malaysia wurde selbst zum Werfteneigner im strukturschwachen deutschen Nordosten, in Mecklenburg-Vorpommern. Er fertigt hier Schiffe, mit denen später auch Touristen aus anderen asiatischen Ländern rund um die Welt schippern sollen. Für rund 230 Millionen Euro kaufte Genting 2016 die Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund. Sie zählten nach dem Ende der DDR zu den wenigen verbliebenen industriellen Kernen des Küstenlandes. Gezeichnet von mehreren Krisen, einer Vielzahl von Eigentümerwechseln und massivem Stellenabbau, boten die Werften dem asiatischen Unternehmen dennoch eine weitgehend funktionierende Infrastruktur.

RETTUNG IN DER NOT

Das überraschende Angebot aus Fernost war eine Art Rettungsring für die drei ehemaligen Nordic-Werften, der schnell ergriffen wurde. Seit dem Einstieg von Genting wurde die Belegschaft auf nun 2900 Mitarbeiter nahezu verdoppelt.

Die Schiffbauindustrie an der Ostsee blüht auf. Das sorgt für Freude bei Schiffbauern, die teilweise gezwungen waren, fern der Heimat oder in artfremden Berufen Arbeit anzunehmen. Sie können nun auf die Werften zurückkehren.

Auch Landeswirtschaftsminister Harry Glawe sieht den Schiffbaustandort Mecklenburg-Vorpommern wieder gefestigt. Die malaysische Genting-Gruppe habe mehr als eine Milliarde Euro in die MV Werften investiert und sich als verlässlicher Partner erwiesen. „Bislang wurden alle Absprachen eingehalten“, konstatiert der 65-jährige CDU-Minister.

Und Warnemünde und Wismar sind die Orte, an denen Global Class I und später Global Class II gebaut werden. „Es war richtig, die Werften über die Jahre hinweg warmzuhalten“, gibt sich Minister Glawe überzeugt. Damit das Bundesland mehr als eine boomende Tourismusindustrie und die Landwirtschaft aufweisen kann. In der Politik hatte das malaysische Engagement anfangs Skepsis und Argwohn ausgelöst. Inzwischen scheint Vertrauen gewachsen.

JEDEr BAUSCHRITT zählt

Auf der Werft in Warnemünde wird ein nächstes Stahlsegment langsam vom Kran hinabgelassen. Wenige Meter weiter sind Arbeiter damit beschäftigt, in einem bereits montierten Schiffsteil Abwasserrohre zu verlegen. Die Arbeitsschritte sind genau aufeinander abgestimmt. Auch wenn ab und an laute Hammerschläge durch das Dock hallen, ist Schiffbau heute Millimeterarbeit.

60 000 TONNEN STAHL

Die exakten Daten des fertigen Schiffes gehen dem 57-jährigen Schiffbauingenieur Klaus Paschen mitten im Lärm der Stahlarbeiten leicht über die Lippen: 342 Meter lang und vom Kiel bis zum Schornstein 60 Meter hoch. „Bis zu 60 000 Tonnen Stahl werden verbaut.“

In der Nähe der Schwesterwerft in Wismar läuft unterdessen die Fließbandproduktion für die Schiffskabinen an. Dafür hatte Genting einer Solarfirma eine nicht mehr benötigte Produktionshalle abgekauft. Sie wurde um ein Lager ergänzt. 3700 Kabinen würden hier für jedes der Global Class Schiffe gebaut, sagt Manager Johannes Gößler.

„Die Abläufe sind klar terminiert. Die Kabinen müssen just in time geliefert werden. Das wollten wir selbst in der Hand behalten“, erläutert Gößler. Also habe Genting den Auftrag nicht an ausländische Zulieferer vergeben. Bislang plant Genting zwei solche Riesenschiffe. Zunächst war in der Branche von Fertigungspreisen von jeweils 1,3 Milliarden Euro gesprochen worden. Inzwischen ist von 1,6 Milliarden die Rede.

„Wir haben eine Riesenehrfurcht vor den Dimensionen des Projekts“, sagt der Rostocker Schiffbauingenieur Paschen. Die ist ihm kaum anzumerken.

Es passt viel

Harald Ruschel weiß ein Lied von den Aufs und Abs der Werften zu singen. Der kantige Arbeiter und Betriebsratschef arbeitet seit 1979 auf der Warnemünder Werft. „Nach der Wende gab es viele Tiefs, die Arbeit der Betriebsräte bestand hauptsächlich darin, Sozialpläne aufzustellen.“

Die Beschäftigten seien von Genting übernommen worden – und die neuen Besitzer erwiesen sich als eine gigantische Chance. „Wir haben Aufträge für die nächsten fünf bis zehn Jahre“, betont Ruschel. Auch Werftchef Peter Fetten ist sich sicher, dass Genting noch viel vorhat auf den Werften in Mecklenburg-Vorpommern: „Wir sind nicht hier, um nur ein paar Schiffe zu bauen.“

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