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NWZonline.de Sport Fußball 1.Bundesliga Mein Werder

Kohfeldt im Interview: „Das hier ist mein Verein“

23.05.2019

Bremen Man kann ja bei verschiedenen Vereinen Bundesligatrainer sein – wann ist es ein Vor- und wann ein Nachteil, wenn man in der Stadt, in deren Nähe man aufgewachsen und in dem Verein, in dem man groß geworden ist, arbeitet?

Auf jeden Fall überwiegen die Vorteile. Einer der größten Nachteile, die mein Job mitbringt, ist nämlich das Zeitbudget. Ich habe aber natürlich auch trotzdem noch eine Familie – und da lässt sich alles viel leichter in der Heimatstadt organisieren. Das können wir viel leichter auffangen als in einer anderen Stadt in Deutschland und ist privat ein Riesenvorteil. Darüber hinaus weiß ich ganz genau, welche Bedeutung der Verein in der Stadt hat, wie er wahrgenommen wird und wie die Leute über ihn reden. Hinzu kommt die emotionale Verbundenheit zu dem Verein, die über die Profimannschaft hinausgeht. Ich kann es so sagen: Das hier ist mein Verein. Selbst wenn ich irgendwann einmal einen anderen Verein trainiere, wird das nie anders sein. Das ermöglicht dir, unheimlich viel Energie in die Arbeit zu stecken ohne es als Belastung zu empfinden.

Und die Nachteile?

Der einzige Nachteil, den ich sehe ist: Wenn es hier schiefgeht – und diese Situation muss man als Bundesligatrainer einfach einkalkulieren – kann es sein, dass man einfach ein Stück Heimat verliert. Das soll keinesfalls auf die Tränendrüse gedrückt sein, aber es ist nun einmal so. Du kannst dich in deiner Heimatstadt als Bundesligatrainer nicht mehr so frei bewegen wie vorher. Im Misserfolg noch weniger.

Sie sind aber ja auch jetzt schon bekannt wie ein bunter Hund in Bremen und nicht mehr der Florian Kohfeldt, der sie vorher waren. Wie lebt es sich damit?

Das stimmt. Es ist schon eine ständige Beobachtung da. Man merkt sehr genau, dass man registriert wird. Ganz egal, wo man ist, ob beim Einkaufen, beim Bäcker oder im Restaurant. Man wird natürlich auch angesprochen, was in der Regel sehr respektvoll und höflich geschieht. Ich habe nur wenige negative Erfahrungen gemacht. Man hat aber einfach nicht seine Ruhe, wo andere Menschen ihre Ruhe haben. Das wusste ich aber vorher, dass dies dazugehört und bin eher den Bremern sehr dankbar, dass es immer auf dieser respektvollen Ebene passiert. Was ein wenig neu ist, ist die Tatsache, dass sich die Bekanntheit nicht mehr nur auf Bremen beschränkt. Damit muss man umgehen können.

Ändern diese Rückmeldungen, die Aufmerksamkeit etwas an Ihrem Verhalten? Sind Sie noch der Mensch, der Sie vor anderthalb Jahren waren, als Sie als Cheftrainer bei Werder übernommen haben?

Natürlich verändert man sich. Ich habe in den letzten beiden Jahren extrem viele Erlebnisse gehabt, sehr viele positive und ein paar negative. Ich empfinde es auch weiterhin nicht als Normalität, mich hier jede Woche auf die Bank zu setzen. Das ist ein Riesenerlebnis. Deshalb werde ich mich bestimmt verändert haben, hoffentlich nicht zum Negativen (lacht). Grundsätzlich mag ich es schon, dass die Leute mich ganz gern haben. Ich bin kein Typ, dem das egal ist. Ich muss nicht gelobt werden, aber ich finde es gut, wenn die Leute sagen: ,Der ist in Ordnung‘.

Sie haben die wenige Zeit für Ihre Familie angesprochen. Verändert es einen Vater, Bundesligatrainer zu sein?

Es ist kein klassisches Familienleben möglich. Gemeinsame Zeit zu verbringen erfordert eine gewisse Flexibilität des Partners und eine Grundeinigung darüber, dass es eine gemeinsame Sache ist. Es ist extrem wichtig, dass meine Frau das mitträgt und mitentscheidet. Das ist nichts, was ich allein tue, denn ich bin sehr, sehr gern Familienvater. Genau dann findet man Räume und Möglichkeiten, beides zu sein.

Die Öffentlichkeit hat im Grunde zwei Bilder von Ihnen: Es gibt den Florian Kohfeldt abseits des Spiels und den Florian Kohfeldt während des Spiels.

Diese zwei Bilder habe ich auch von mir (grinst).

Welcher Florian Kohfeldt ist denn nun der wahre?

Sie gehören zusammen. Ich glaube, dass das auch nichts Schlimmes ist. Im Spiel lasse ich meinen Emotionen freien Lauf, auch weil ich nur dann authentisch bin. Auch gegenüber der Mannschaft. Nach dem Spiel bin ich dann genauso wie ich bin. Das ist keine Strategie. Ich finde es grundsätzlich sehr erstrebenswert, souverän zu sein. Das versuche ich nach dem Spiel auszustrahlen. Und das widerspricht sich nicht mit dem, wie ich während des Spiels bin. Ich schaue mir aber auch lieber Bilder von einer Pressekonferenz als vom Spielfeldrand an (lacht).

Fällt es Ihnen denn schwer, authentisch zu sein?

Ich glaube, dass ich Glück habe. Ersten habe ich Glück mit meiner Mannschaft, weil sie mich so sein lässt wie ich bin. Ich kann mit den Spielern Spaß haben, sie anschreien, mit ihnen trauern, aber auch Siege feiern. Ich muss mich da nicht verstellen. Ich habe aber anscheinend auch das Glück, dass es funktioniert, wie ich bin.

Einmal waren sie eigentlich zu souverän – und zwar nach dem Bayern-Spiel im Pokalhalbfinale. Es war erstaunlich, wie schnell Sie da den Schalter umgelegt und alles mit Würde ertragen haben. Lag es daran, dass Sie das alles schon vorher durchgespielt haben und wussten, dass es eben auch so ausgehen kann?

Nein, das hatte ich nicht. Es gab einen viel schwierigen Moment – und das war vorher in der Kabine, denn da habe ich mit den Jungs geredet. Das war für mich der Moment, wo ich ganz grundsätzlich das Gefühl hatte, dass sich jetzt etwas entscheidet. Nämlich die Frage, wie wir mit solch einem Erlebnis umgehen. Das war ein sehr intimer Moment, denn wir waren alle völlig fertig. Ich selbst war todtraurig, weil ich das Gefühl hatte, dass wir es verdient gehabt hätten. Und da musste ich die richtigen Worte finden, damit wir hier grundsätzlich aus dieser Nummer wieder herauskommen und nicht das Gefühl entsteht, dass etwas kaputt gegangen ist. Als ich dann wieder aus der Kabine gegangen bin, war es für mich klar, dass ich wieder Souveränität ausstrahlen will, denn was hätte ich gewonnen, wenn ich mich darüber aufgeregt hätte, dass der Elfmeter unberechtigt war. Da hätte ich Energie verschwendet, die ich für die Aufarbeitung mit der Mannschaft benötige. Da hat mir natürlich das Frankfurt-Spiel aus dem Februar geholfen. Damals habe ich mich wahnsinnig aufgeregt, was mich ein, zwei Tage gekostet hat, um wieder herunterzukommen. Diesen Fehler wollte ich für mich selbst nicht noch einmal machen.

Noch einmal zurück zum intimen Moment in der Kabine: Was genau haben Sie denn gesagt?

Ganz viel wird bei mir bleiben, weil es wirklich sehr intim war. Aber einen Satz kann ich gern öffentlich sagen. Grundsätzlich ist „Stolz“ ein Wort, das ich nicht so gern verwende, aber an diesem Tag habe ich der Mannschaft gesagt, dass ich sehr, sehr stolz bin, Trainer dieser Mannschaft zu sein. Verstehen sie mich richtig – ich bin immer stolz Trainer bei Werder zu sein. Aber an diesem Abend waren meine Aussagen vor allem auf diese ganz bestimmte Gruppe von Menschen bezogen, die da vor mir saß. Die gerade 90 Minuten alles gegeben hatte, die sich so viel erarbeitet hatte und nicht belohnt wurde.

Woran merken Sie, dass Ihre Worte in solch einem Moment auch wirklich ankommen?

Du fragst natürlich vertraute Personen im Umfeld oder Trainerstab, ob es die richtigen Worte waren und wie sie angekommen sind. Du merkst es aber auch, wenn du ehrlich bist. Wenn das nämlich nicht funktioniert, müsste ich mich auch hinterfragen ob ich der richtige Trainer bin. Im Sinne von sportlichem Erfolg merkst du es, in der 75. Minute gegen Dortmund (Werder hatte gegen den BVB aus einem 0:2 binnen weniger Minuten ein 2:2 gemacht, Anm. d. Red.). Was auf dem Platz passiert, ist die einzige Währung, die wir haben. Nur vom Teamspirit immer zu erzählen, bringt niemanden weiter.

Ihr Kollege Domenico Tedesco war auf Schalke auch jemand, der überragende Kabinenansprachen gehalten und ein riesiges erstes Jahr hingelegt hat. Wenn Sie sehen, was mit ihm passiert ist, was denken Sie da als Trainerkollege?

Das tut einem leid. Ich kann die Situation auf Schalke nicht bewerten, aber von außen wirkte es schon so, dass es sehr schwierig war, diese Situation noch zum Erfolg zu führen.

Müssten Sie nicht eigentlich sagen, dass Sie den völlig falschen Job gewählt haben, wenn Sie sehen, was gerade wieder auf den Trainerbänken passiert? Sie sind „Trainer des Jahres“ geworden, mit Hannes Wolf ist einer Ihrer Nachfolger gerade zum zweiten Mal entlassen worden. Dazu der angesprochene Domenico Tedesco…

Da kann es Argumente für geben, aber ich habe eine Menge Argumente, warum ich diesen Job gut finde – ohne dabei auszublenden, dass das auch mir passieren kann und wahrscheinlich auch wird. Ich fühle mich hier in Bremen wertgeschätzt und respektiert, ich habe das Gefühl, dass es hier noch eine andere Ebene gibt als nur das Sportliche. Du hast als Trainer auch Erlebnisse, die bekommst du in keinem anderen Beruf. Dabei geht es nicht nur um Tore, um Siege, sondern du bist mit dafür verantwortlich, dass etwas funktioniert. Du siehst es Wochenende für Wochenende, wenn die Mannschaft etwas umsetzt. Das ist einfach geil. Und manchmal tut es eben auch weh. Aber wenn du das eine Extrem haben willst, dann muss das andere auch dazu gehören.

Hatten Sie denn trotzdem gerade zu Beginn die Angst, was eigentlich passiert, wenn das hier schiefgeht?

So bewusst im Alltag habe ich das für mich nicht realisiert. Aber nochmal: Man muss sich vollkommen bewusst sein, dass es Misserfolg geben kann und dann werden auch in Bremen die normalen Mechanismen greifen. Vielleicht dauert es drei Wochen länger, aber irgendwann werden sie greifen. Aber Angst habe und hatte ich davor nicht, weil ich eigentlich die Chance gesehen habe, die sich für mich ergeben hat. Mein größter Ruhefaktor ist, dass auf der anderen Seite Frank Baumann (Werder-Sportchef, Anm. d. Red.) sitzt. Ich war und bin mir absolut sicher, dass egal, was auch immer passiert, es nie unter einer gewissen Respektsstufe laufen wird. Nie. Wenn der Tag kommt, dass der Verein mir mitteilen muss, dass ich hier nicht mehr Trainer bin, dann wird es für Frank ein genauso schwieriger Tag werden wie für mich. Das kann ich so sagen, glaube ich. Das ist wirklich ein Privileg, dass ich diese Ebene hier habe.

Das Gespräch führten Malte Bürger und Jean-Julien Beer.

Dies ist ein Artikel der "Mein Werder"-Redaktion des WESER-KURIER

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Dies ist ein Artikel der "Mein Werder"-Redaktion des WESER-KURIER

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