Oldenburg - Die Züge des Nahverkehrs sind auch in diesem Sommer zu den Stoßzeiten voll – und der Grund ist schnell gefunden: Das 9-Euro-Ticket. Doch so einfach ist es nicht. Wenn Verantwortliche die überfüllten Züge mit dem 9-Euro-Ticket begründen, ist dies eine faule Ausrede.
Es ist richtig, dass die Zahl der Fahrgäste im Vergleich zum Vorjahr enorm angestiegen ist – im 2. Quartal (1. April bis 30. Juni) 2022 um 74 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Zahlen sind jedoch durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie verzerrt.
Es ist auch richtig, dass durch das 9-Euro-Ticket mehr Menschen die Züge des Nahverkehrs nutzen. Doch bereits vor Corona waren die Züge regelmäßig überfüllt. Das 9-Euro-Ticket deckt einmal mehr schonungslos auf, dass Nachholbedarf beim Ausbau der Infrastruktur besteht. Ein konsequent ausgebautes und vernünftig gewartetes Schienennetz sowie längere Züge sind nötig, um Deutschland fit für die Zukunft zu machen und die Menschen dazu zu bewegen, den ÖPNV stärker zu nutzen. Dafür muss Geld in die Hand genommen werden, in den vergangenen Jahrzehnten war das Gegenteil der Fall. Der Zustand der Bahn sei „durch jahrelanges Kaputtsparen katastrophal“, sagte der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, Mitte Juli der FAZ.
Immerhin: Das Problem wurde erkannt. Verkehrsminister Volker Wissing und die Bahn kündigten im gleichen Artikel eine „Generalsanierung“ der wichtigsten Bahn-Strecken an – allerdings ab 2024.
Zudem braucht es Personal. 20.000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter will die Bahn in diesem Jahr einstellen, teilte der Spiegel Ende Juni mit. Auch hier wurde in den vergangenen Jahrzehnten gespart, heißt es weiter.
Bis all diese Maßnahmen Wirkung zeigen, können Fahrgäste nur eines tun, sofern es ihnen möglich ist. Die Stoßzeiten meiden. Denn Nachfragespitzen mit vollen Zügen werden sich nie komplett verhindern lassen. Wenn Tausende Menschen zeitgleich an die Küste oder zu einer Veranstaltung wollen, wird es nunmal voll – auf der Schiene, wie auf der Straße.
